Share this emailCopy the public link or share it on your favorite channel.

Episode 68

23.1.2026

Juden und Ketzer in Mähren

Johanka Morkovska z Zastrizl (geb. Drnovska z Drnowitz) *1530; †1583
letzte von Drnovitz und Oberhaupt der ca. zehntreichsten Familie Mährens
meine 12-fache Urgroßmutter
Bohuslav Drnovsky z Drnovitz * ?; †1548 - mein 13-facher Urgroßvater
Bedrich Drnovsky z Drnovitz * ?; †1492 - mein 14-facher Urgroßvater
Jan Drnovsky z Drnovitz * ?; †1448 - mein 15-facher Urgroßvater
Bohus Drnovsky z Drnovitz * ?; †1420 - mein 16-facher Urgroßvater
Jindrich Drnovsky z Drnovitz *1295; † ? - Stammvater und Herr von Drnovitz bei Wischau - mein 17-facher Urgroßvater
Anka Drnovska z Drnovitz (z Kunstadt) *1310; †1368
seine Frau und meine 17-fache Urgroßmutter
Gerhard z Kunstadt a Deblin * ?; †1350 - mein 18-facher Urgroßvater
Georg z Kunstadt a Podiebrad *1420; †1471 - König von Böhmen
sein 2-facher Urgroßenkel
Legende für Farben: z Drnovitz, z Kunstadt, besondere Merkmale
Edler Ritter Bohuslav Drnovsky z Drnovitz, Ihr steht ohne männlichen Erben da, allein Eure Tochter Johanka bleibt Euch. Wie werdet Ihr das Schicksal Eures Hauses sichern?“
Johanka wird das gesamte Erbe führen. Und mit Jaroš Morkovsky ze Zastrizl gewinnt unser Haus einen Schwiegersohn, der in ganz Mähren angesehen ist. So bleibt unser Raitz (Rájec) in starken Händen.“
„In der vierten Generation und als letzter männlicher Vertreter des Geschlechts der z Drnovitz habt Ihr sehr viel erreicht. Würdet Ihr mir etwas darüber erzählen?“
Gerne. Ich bin nicht nur Besitzer von Raitz an der Zwittava sowie Jedovnitz, sondern bekleide zeitweise auch das einflussreiche Amt eines Landrechtsbeisitzers in Brünn. Als solcher bin ich dabei, wenn über schwere Verbrechen wie Hochverrat oder Beleidigung der Majestät gerichtet wird. Wir überwachen zudem die Eintragung von Besitzverhältnissen in die Landtafeln, unser Landgrundbuch, wobei es meist um Streitigkeiten zwischen Adeligen über Besitz und Erbe geht. Das sind Aufgaben, die eine weitreichende Kenntnis der mährischen Rechtsgewohnheiten verlangen und mit höchstem Ansehen im Markgrafentum verbunden sind.“
„Und was unterscheidet Euch von den unmittelbaren Vorfahren?“
Ich gebe mich nicht mehr mit den finsteren Mauern mittelalterlicher Burgen zufrieden. Ich lasse die alte Festung in Raitz zu einem repräsentativen Renaissanceschloss nach italienischem Vorbild umbauen. Ich will einen Sitz mit lichten Arkaden, der dem neuen Selbstbewusstsein unserer Familie und unserer Verwandtschaft zum Hause Kunstadt entspricht. Zudem investiere ich konsequent in die Landwirtschaft, in moderne Fischteichanlagen und in unsere Forste.“
Edler Jan Drnovsky z Drnovitz, mit den 'finsteren Mauern' verbindet man in erster Linie Euch. Ihr habt doch die Herrschaft Raitz 1464 erworben. Kränkt Euch die stolze Aussage Eures Enkels Bohuslav über sein prachtvolles Schloss?“
„Keineswegs. Er hat mein Bestreben, eine feste und angemessene Wohnstätte für unser Geschlecht zu errichten, nur konsequent weiterverfolgt. Ich bin derjenige, der aus den Ruinen zweier gotischer Burgen eine wehrhafte Wasserburg und damit ein standesgemäßes Besitztum geformt hat. Ohne diese Mauern gäbe es heute seine Arkaden nicht. Sicher weiß er dieses Fundament zu schätzen.“
Dieser Jan Drnovsky z Drnovitz lebte zeitgleich mit dem König von Böhmen Georg z Kunstadt und Podiebrad. Beide hatten als 2-fachen Urgroßvater Gerhard z Kunstadt und Deblin.
Georg z Kunstadt und Podiebrad
*1420; †1471
ab 1458
Wahlkönig von Böhmen
Eure Königliche Majestät Georg z Kunstadt und Podiebrad, wie gelangtet Ihr, ein mährischer Edelmann auf den Thron von Böhmen.“
Der Weg war steinig. Als Kaiser Sigismund 1437 starb, hinterließ er ein schwieriges Erbe. Sein Schwiegersohn Albrecht II. hielt die Krone nur zwei Jahre, bevor ihn die Ruhr auf einem Feldzug gegen die Osmanen dahinraffte. Sein Sohn Ladislaus kam daher schon als Waise zur Welt – man nannte ihn 'Postumus'. In jener Zeit der Leere und des Streits blieb mir keine Wahl: Ich führte die Regierungsgeschäfte, um das Land vor dem Chaos zu bewahren. Ich war der Verwalter der Krone, als Ladislaus noch ein Kind war, und blieb es bis zu seinem tragischen Tod durch die zehrende Blutkrankheit im Jahre 1457. Erst als das Land keinen Erben mehr hatte, machten mich die Stände zum König, dem Wahlkönig.“
„Wie erklärt sich die Tatsache, dass der 14-jährige König Ladislaus Postumus unter Ihrer Ägide 1454 die Ausweisungsdekrete für Juden aus den mährischen Königsstädten Brünn, Olmütz, Znaim, Iglau und Neustadt (Uherské Hradiště), wenn auch nicht aus dem böhmischen Prag, unterzeichnete?“
Schuld daran trug vor allem der Franziskanerpater Johannes Capistranus. Er war ein Meister der Inszenierung: Als radikaler Büßer, der barfuß wanderte und auf Fleisch verzichtete, stachelte er den Mob unerbittlich auf. Doch der religiöse Eifer war nur die eine Seite; für viele Bürger war die Vertreibung der einfachste Weg, ohne Probleme ihre Schulden bei jüdischen Geldgebern zu 'löschen'. In diesem Sturm aus blindem Hass und nackter Gier konnten der junge Ladislaus und ich nur zusehen – eine Gegenwehr wäre politischer Selbstmord gewesen. In gewisser Weise gehörte auch ich zur Zielscheibe der Angriffe des Franziskaners, war ich doch Anführer der Utraquisten, einer gemäßigten hussitischen Adelsfraktion.“
Im Jahr 1389 hatte in Prag das Oster-Pogrom, eines der schrecklichsten Pogrome des Mittelalters stattgefunden. Der angebliche Auslöser war die Behauptung, ein jüdischer Junge habe einen Priester, der gerade eine Hostie trug, mit Steinen beworfen. Daraufhin wurden Im Prager Ghetto schätzungsweise 3.000 Menschen – fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt – ermordet.
Georg z Kunstadt und Podiebrad war ein brillanter Diplomat, der sich erfolgreich gegen die Machtansprüche der Habsburger behauptete. Er meisterte den riskanten Drahtseilakt zwischen den Konfessionen: Während er die Katholiken durch Mäßigung beruhigte, brach er die Macht der radikalen Taboriten, um seine internationale Legitimität zu sichern. Gestützt auf die Mehrheit der gemäßigten Utraquisten, erwies er sich zudem als kühner Visionär. Mit seiner Idee eines europäischen Fürstenbundes entwarf er bereits im 15. Jahrhundert eine Art frühe EU zur dauerhaften Friedenssicherung in der Christenheit.
„Edler Ritter Jindřich Drnovsky z Drnovitz, Ihr seid mein 17-facher Urgroßvater und steht am Anfang einer Linie, die einmal (wenn auch lang vor meiner Zeit) zu den reichsten Mährens gehören wird. Wie fühlt es sich an, derjenige zu sein, der den Grundstein in Drnovitz legt?“
„Es ist ein harter Weg, den wir Ritter hier im Markgrafentum Mähren gehen müssen. Doch wir Drnovskys sind zäh. Mein Besitz in Drnovitz bei Wischau ist mein Stolz, aber ich weiß wohl: Land allein bringt in diesen unruhigen Zeiten keinen dauerhaften Schutz. Man braucht Verbündete, die über dem einfachen Adel stehen.“
„Dafür habt Ihr einen sehr klugen Weg gewählt: Die Ehe mit Anka z Kunstadt.“
„Klug? Es war ein Segen! Mit Anka trat nicht nur eine hochgebildete Frau in mein Haus, sondern die Macht des Hauses Kunstadt. Durch sie wurde mein kleines Gut in Drnovitz plötzlich Teil eines Netzwerks, das bis in die höchsten Ratsstuben Mährens reicht.“
„Verehrte Frau Anka, Ihr stammt aus dem mächtigsten Haus Mährens. Eure beiden Schwestern sind mit Rittern aus dem Hause z Bilevitz verheiratet worden. War und ist es Euch recht, dass Ihr anstatt dessen zur Gattin von Ritter Jindřich z Drnovitz bestimmt wurdet?“
„Es verleiht mir durchaus mehr Gewicht, da ich in ein neues, aufstrebendes Geschlecht einheiraten darf. Jindřich ist ein Mann von Tatkraft und Selbstbewusstsein. Ich füge mich gern der klugen Wahl, die meine Eltern getroffen haben.“
„Wie sehen Sie jetzt die allgemeine Situation in Mähren?“
Es herrscht Aufbruchstimmung. Dem Ruf von uns mährischen Adeligen und der Klöster folgen zahlreiche Siedler aus Bayern, Sachsen, Franken und Österreich. Sie fliehen vor der Landnot und dem harten Druck ihrer westlichen Grundherren. Wir locken sie mit fruchtbarem Boden und den begehrten, abgabenfreien ‚Freijahren‘. So wächst das Land zusammen: Sowohl die ansässige slawische Bevölkerung als auch die neuen Siedler, die unsere Wälder urbar machen, sind im römisch-katholischen Glauben vereint.“
„Und wie ist das mit den Waldensern?“
„Ja, mit den Siedlern kommt auch eine gefährliche Idee zu uns: die Lehre der Waldenser. Gegründet von dem Lyoner Kaufmann Petrus Valdes, der seinen Reichtum verschenkt hatte, vertreten sie ein radikales Armutsideal. Für sie kann die Kirche nur dann wahrhaft christlich sein, wenn sie besitzlos bleibt. Entsprechend scharf verurteilen sie den Prunk der Bischöfe.“
„Aber warum werden sie als Ketzer bezeichnet?“
„Es ist ihr revolutionärer Umgang mit dem Wort Gottes: Sie fordern, die Bibel in der Volkssprache – auf Deutsch und Tschechisch – aufzulegen, und verlangen, dass auch Laien das Recht zur Predigt haben sollten. Sie lehnen alles ab, was nicht wörtlich in der Schrift steht: das Fegefeuer, die Heiligenverehrung, das Schwören von Eiden und sogar die Todesstrafe. Ihr Wahlspruch: 'Lux lucet in tenebris' (das Licht leuchte in der Finsternis).“
„Wie genau wurde mit dieser religiösen Gruppe umgegangen?“
„Die Konsequenzen für die entdeckten Waldenser sind unerbittlich. Wer seinem Glauben nicht abschwört, wird vom Klerus mit der irreführenden Formel ,Überlassung an den weltlichen Arm mit der Bitte um Milde‘ der weltlichen Justiz übergeben – ein tödliches Codewort. Die Standardstrafe für diese Unbußfertigen ist das grausame Spektakel des Scheiterhaufens.
Doch die Vernichtung ist nicht nur physisch, sondern auch existenziell: Das Vermögen der Verurteilten wird eingezogen und zwischen Klöstern, Markgrafen und oft dem Denunzianten aufgeteilt. Die Nachkommen werden für zwei Generationen als ehrlos erklärt, was einen sozialen Abstieg bedeutet, dem kaum zu entkommen ist. Wer Reue zeigt und abschwört, entkommt zwar dem Feuer, wird aber zur dauerhaften Brandmarkung als Ketzer kahlgeschoren und muss außerdem sowohl auf der Brust als auch am Rücken ein gelbes Kreuz aus Filz oder Tuch auf der Kleidung tragen.“
Um jedoch eine Brücke zum anfänglich erwähnten König Georg z Kunstadt a Podiebrad zu bauen, müssen wir noch einen Schritt weiter zurück gehen, nämlich zum Vater von Anka Drnovska z Drnovitz, also zu Gerhard z Kunstadt a Deblin in Mähren.
„Edler Herr Gerhard z Kunstadt a Deblin, was tut Ihr dafür, dass Euer Ur-Urgroßenkel Georg einst zum König gekrönt werden kann?“
„Dass ich heute als hoher Kämmerer von Brünn und Znaim hier stehe, verdanke ich dem Mut meiner Ahnen. Mein Vater Kuno baute uns die Burg Kunstadt, doch ich selbst habe durch meine Heirat die Herrschaft Deblin für unser Haus gewonnen. Ich lege das Fundament aus Land und Recht: Durch meinen Sohn Boček, den meine Frau 1330 zur Welt gebracht hat, wird das böhmische Podiebrad zu unserem Erbe kommen, und durch meine Tochter Anka verbinden wir uns mit dem edlen Haus Drnovitz. Ich schaffe die Macht und den Namen – das Schicksal des Throns liegt dann in Georgs Händen, von dem Ihr mir so Wunderbares berichtet habt.“
Quellen: Wikipedia, MyHeritage, Geni
Reaktion zu Episode 67:
Antal Braunecker: Wenn heute die Untaten eines Trump als „juristisch kompliziert“ bezeichnet werden, dann halten das weite Kreise ja auch nicht für Opportunismus, sondern für „realistische Flexibilität“. So ähnlich war es offenbar auch im 16. Jhdt. In Mähren… 😉