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Episode 25

8.11.2024

Der Zölibat

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
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Ernestine Berger *1905; †1969 - meine Mutter
Ulrich von Augsburg - Bischof + Heiliger - *890; †973 - mein 31-facher Urgroßonkel
Hupold von Dillingen *840; †909 - sein Vater und mein 32-facher Urgroßvater
Teilung der beiden Linen bei Utta von Hardegg *1125; †1170 - 23-f. Urgroßmutter
Otto I, „Der Erlauchte" - Herzog von Sachsen - *836; †912 - 32-facher Urgroßvater
Heinrich „Der Vogler“ - König der Ostfranken - *876; †936 - 31-facher Urgroßvater
Otto I von Sachsen - römisch-deutscher Kaiser - *912; †973 - sein Sohn
Legende für Farben: Österreicher - Germanen - Osteuropäer
Ulrich v. Augsburg
in der Kapelle
St. Agatha/Disentis
„Lieber heiliger Urgroßonkel Ulrich, ich freu mich riesig, Dich zu treffen. Ich habe schon vieles und nicht nur Alltägliches über Dich gelesen. Bitte, erzähl mir mehr!“
„Wieso nennst Du mich 'Heiliger'? Ich bin doch nur der gottesfürchtige Bischof von Augsburg, der sich mit aller Kraft und Chuzpe um die Verteidigung unserer Stadt kümmert.“
„Ich gebe zu, dass Du das nicht wissen kannst, Du bist ja nicht Aug in Aug als Heiliger angesprochen worden. Man kann eben nur als Verstorbener heiliggesprochen worden. Aber Papst Johannes XV, der als Erster das Recht der Kanonisierung ausschließlich den Päpsten vorbehielt, tat das bei Dir bereits 20 Jahre nach Deinem Tod. Er vollzog das nicht deshalb, weil Du ein Märtyrer warst, sondern nur wegen Deiner 'seligmachenden Gottesschau'. Nicht einmal ein Wunder verlangte er, was normalerweise bei Nicht-Märtyrern notwendig war.“
„Es berührt mich sehr, Dass Du mich gefunden hast und Dich für mich interessierst, Wie sind wir denn verwandt, kleiner Lausbub?“
„Das ist ziemlich einfach: Dein Vater, Graf Hupold von Dillingen ist mein 32-facher Urgroßvater! Du selber hast ja keine Kinder, also kannst Du nur mein Urgroßonkel sein. Wieso bist Du eigentlich Bischof geworden?“
„Mich hat 923 der ostfränkische König Heinrich I, 'Der Vogler', dazu ernannt und mir das Bistum Augsburg übergeben. Als solcher kam ich nicht nur meinen geistlichen, sondern auch meinen staatlichen Verpflichtungen nach und ließ rund um Augsburg eine Mauer bauen, weil die Ungarn andauernd in unsere Stadt einfielen.“
"Du wirst lachen! Heinrich I ist mein 31-facher Urgroßvater.
Gleichzeitig ist er der 3-fache Urgroßvater von Heinrich IV, Protagonist der 24. Episode über Canossa.“
„Sein Sohn Otto von Sachsen war seit 936 König des Ostfrankenreiches und Italiens und ab 962 als Otto I römisch-deutscher Kaiser. Im Jahr 955 war er mir sehr dankbar, weil ich ihm mit oben erwähnter Stadtmauer und meinem Widerstand gegen die plündernden Ungarn - hoch zu Ross - genug Zeit verschafft hatte, um zur Schlacht auf dem Lechfeld herbeizueilen. Er gewann sie triumphal. Mir gab er das Recht zur Münzprägung.
Vor kurzem freilich traf ich die Entscheidung, mein Bistum an meinen Neffen Adalberto abzutreten. Jetzt widme ich mich ausschließlich geistlichen Aufgaben.
„Du bist, zumindest in einschlägigen Kreisen, bekannt für Deine überlieferte schriftliche Stellungnahme gegen die Ehelosigkeit, die sexuelle Enthaltsamkeit für Geistliche, gegen den Zölibat. Woher rührt diese Deine Entscheidung?“
"Ich erinnere Dich an den heiligen Paphnutius aus Ägypten, der beim ersten Konzil von Nicäa verlangte, den Klerikern keine zu schweren Lasten aufzubürden, denn 'ehrbar sei das Ehebett und die Ehe makellos'. Das ist bis heute auch meine Überzeugung.“
„Es hat aber leider wenig genützt. Synoden um 1020 verordneten, dass die Kinder von Geistlichen als unfrei gelten und dem Kirchenbesitz (sic!) zufallen sollen. Zudem wird im 11. und 12. Jahrhundert zumindest sprachlich bewusst nicht zwischen Ehefrauen und Konkubinen der Kleriker unterschieden.
Bereits 1079, also ca. 100 Jahre nach Deinem Tod verurteilte ein römisches Konzil Deine Meinung ganz offiziell. 1139 beim Laterankonzil wurde sogar der Pflichtzölibat, demzufolge auch bestehende Ehen von Geistlichen ungültig sein sollen, eingeführt.“
„Trotzdem habe ich meine Ansicht nicht geändert.“
Altkatholische Priesterweihe in Karlsruhe
Der Zölibat allgemein:
Die Ostkirchen haben nie den Pflichtzölibat einge-führt.
1520 forderte Martin Luther teils erfolgreich dessen Abschaffung.
Altkatholische sind ab 1878 davon dispensiert.
Aber auch in der katho-lischen Kirche ist der Zölibat kein Dogma, sondern eine Verwal-tungsvorschrift mit Aus-nahmen für Priester des östlichen Ritus.
Die Rolle des Papstes in Betreff Zölibat heute:
Der Papst ist zwar in Bezug auf den Zölibat nicht unfehlbar wie bei Dogmen in der Glaubenslehre, aber er hat das letzte Wort. Papst Franziskus machte davon Gebrauch, als er bei der Amazoniensynode im Oktober 2019 gegen die deutliche Mehrheit der Amazonienbischöfe keine Ausnahme vom Pflichtzölibat der Priester zuließ.
Der Zölibat in der römisch-katholische Konfession heute:
Im Jahr 2024 werden die Überlegungen zum Zölibat wieder aufgegriffen. Österreichs Bischofskonferenz schreibt unter anderem an den Vatikan, dass es notwendig wäre, den Zölibat als einen 'letzten Rest christlicher Radikalität' besser vorzubereiten und in verschiedene Formen des Gemeinschaftslebens einzubetten, wobei auch ein Zölibat 'auf Zeit' anzudenken sei.
De facto freilich hat sich seit dem Mittelalter bis heute nicht allzuviel verändert, außer dass im katholischen Glaubensbekenntnis die Ehelosigkeit bei Priestern ab dem Diakonat unerschütterlich etabliert ist. Bei den älteren Männern, die in der Kirche das Sagen haben, ist die Überzeugung, dass Sexualität mit Unreinheit zu tun hat, auch leichter aufrechtzuerhalten: Wieso soll für Jüngere etwas verändert werden, was ich mein ganzes Leben lang ertragen musste? Wieso soll in Zeiten kirchlicher Geldknappheit ein mögliches Erbe von zölibatär Lebenden nicht der Kirche zufallen?
Solche Überlegungen lagen mir früher fern. Im Bewusstsein der untadeligen Haltung meiner früheren Mitbrüder, Magister, Prioren, Provinziale und Ordens-Generäle sind das nur theoretische Überlegungen, aber ganz zu Unrecht bestehen sie sicher nicht!
Reaktionen:
Margret: Die katholische Kirche in der Schweiz hat schon lange besondere Rechte durchgesetzt, was Bischofswahl und Tätigkeit von Frauen als Pfarreileiterinnen u. Ä. Betrifft. Sogar Pfarrer waren bei diesen progressiven Bemühungen dabei. Natürlich standen auch Abschaffung des Zölibats und Priesterweihe für Theologinnen auf dem Wunschzettel. In letzter Zeit ist das leider etwas eingeschlafen. Der Grund: Unter den Priestern gibt es fast nur noch Polen, Schwarze und Inder, lauter Erzkatholiken, denen solche Anliegen am Hintern vorbeigehen. Sie wollen vor allem viel Geld verdienen, dafür möglichst wenig arbeiten und möglichst viel Geld nach Hause schicken. In der Gemeinde engagieren sie sich kaum, hiesige Gepflogenheiten interessieren sie wenig. Genauso macht man die Kirche kaputt. Die Kirche muss dafür sorgen, dass mehr Einheimische sich weihen lassen, damit die Gemeinde sich in dieser Kirche zuhause fühlt.
Egon: Ist nicht alles fallweise unter Berücksichtigung der Beweggründe zu klären?“
Antal: Das war mir nicht bewusst, daß der Zölibat zumindest AUCH in schnöden Erbfragen seine Basis hat. Wer weiß, vielleicht ist das ja der wirkliche Grund, und alle anderen Argumente für den Zölibat wurden „dazuerfunden“?
Gratuliere nachträglich, daß Du persönlich dem Zölibat im Endeffekt entkommen bist.
Egon: Früher wurden Klöster wie Burgen gebaut. Ich habe dort ohne finanzielles Zutun, nur mit dem Einsatz von Arbeitskraft und aufgrund eigener Entscheidung gelebt.
Das ist ein Foto von meinen Mitbrüdern und Oberen aus 1967, bei dem ich mich als der Fotograf dazukopierte.
Damals war ich der Überzeugung und voll Enthusiasmus, ein Leben lang nicht nur ehelos, sondern sehr wohl auch enthaltsam zu leben, eben im Zölibat.
Quellen: Wikipedia,
'Die Presse' vom 16. Mai 2024, 'Salzburger Nachrichten' vom 27. Mai 2023
Reaktion zu Episode 6:
Harald Friedrich: „Von meinen Großeltern erfuhr ich, dass sie zuhause Deutsch sprachen, in der Bürgerschule in Pinkafeld aber nur Ungarisch. Sonst gab's Watschen. Ein ehemaliger Lehrer erzählte mir, dass er 1919 beim Unterricht alle Mühe hatte, den von einem ungarischen Lehrer nur in Ungarisch erzogenen Kindern Lesen und Schreiben beizubringen. Bei Behördenwegen machten sich die ungarischen Beamten über die 'blöden' Einheimischen lustig, da diese nur schlecht Ungarisch sprachen.
Evangelische gibt/gab es in Pinkafeld ca. 20-25%, vor meiner Zeit sogar in getrennten Volksschulen. Die Gegenreformation wurde im ungarischen Teil von den Türken verhindert. Mein Urgroßvater Nikolaus Freyberger war sogar als Christdemokrat bei der Gründung des Burgenlandes Anfang 1920 dabei, auch kurz als 2. Landtagspräsident. Ein Schulfreund von mir, Hans Piff, hat übrigens ein Buch mit dem Titel „von Pinkafö nach Pinkafeld“ verfasst. Dort wird diese Problematik ebenfalls behandelt.“

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Egon Biechl Privat