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Wie meine Großeltern lebten auch meine Urgroßeltern in Absam. Die Uroma Barabara Bibiana ist hier geboren, er, Romed Wolfhold, ist von Thaur hierher zugezogen. Die Orte sind ohnehin sehr nahe, aber zudem arbeitete er noch in der Absamer Saline. Die Beiden waren nicht verheiratet, bekamen aber ein Kind nach dem anderen. Es war damals zwar nicht so ungewöhnlich, aber alles andere als wünschenswert.
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Auszug aus dem Taufbuch von Thaur in Tirol 1820
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"Lieber Uropa, es steht mir keinesfalls zu, mit Dir über Eure familiäre Situation zu reden, aber würdest Du mir sagen, warum Du Barbara Bibiana, die Mutter Deiner Kinder nicht heiratest?"
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"Nach den Freiheitskämpfen hier zu Beginn dieses Jahrhunderts nagen wir mehr oder weniger alle am Hungertuch. Den Besitzern von Bauernhöfen geht es etwas besser, aber wir verdienen nicht so viel mit unserer harten Arbeit in der Saline.
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Barbara, mit der ich zusammenlebe, bekommt von mir sieben KInder. Bis auf Deinen Großvater sterben alle. Das alles ist mit großen Kosten verbunden, sodass zumindest ich gar nicht mehr ans Heiraten denke. Es geht auch ohne. Ich bin nicht der Einzige, der in solch einer Situation steckt. Uns Beiden, Barbara noch mehr als mir, tut es auch irrsinnig leid. Eine - zugegebenermaßen faule - Ausrede habe ich noch. Der Name Weißnicht erinnert an ein Findelkind. Ich will es meinen Kindern ersparen, so zu heißen."
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"Liebe Uroma, was sagst Du dazu?" "Ich würde gerne 'Weißnichtin' – so komisch das auch klingt – heißen, wenn Romed mich nur heiraten würde. Aber nein. Als Biechlin bin ich mit meinem einzigen lebenden Sohn Johann allen Schikanen meiner so scheinheiligen Nachbarinnen und ihrer Männer ausgesetzt. Mögen tu ich ihn trotzdem."
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"Hast Du zumindest Unterstützung von Deinen Eltern?" "Meine Eltern, Matthäus Bartholomäus und Ursula Kreszenzia mit Familiennamen Biechl sind beide schon verstorben."
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"Warum hast Du nur ein lebendes Kind?" "Ja, der einzige Überlebende ist mein Zweitgeborener, Dein Großvater Johann Baptist. Aloysia, die Erstgeborene stirbt 1846 mit drei Monaten. Die anderen fünf, die nach Deinem Großvater auf die Welt kommen, sterben im Findelhaus „Alle Laste“ in Trient. Bei allen heißt es, dass sie einer grassierenden Pandemie zum Opfer fielen.
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Die Lebensdaten der Einzelnen stammen aus Matriken, hier teils sichtbar statt Porträts.
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"Die Findelhäuser wurden doch 1784 von Kaiser Joseph II. für ledige Mütter eingerichtet, damit das Überleben ihrer Kinder gesichert ist. Er bot auch an, dass sie auf Staatskosten bei Pflegeeltern unterkommen. Oder?"
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Gebäranstalt und Findelhaus „Alle Laste“
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"Jetzt im Jahr 1866 schaut es aber ganz anders aus. Es gibt zwar Pflegefrauen, aber viel zu wenige im Vergleich zu den 20 bis 25, die täglich gebraucht würden. Arm sind auch sie, sodass eine finanzielle Starthilfe für die Übernahme eines Kindes vorgesehen ist, vorgesehen werden muss. Wir aber, die ledigen Mütter, müssen uns nicht nur ums blanke Überleben sorgen, sondern dazu noch die Schande ertragen."
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"Kann vielleicht ein Abortus den Aufenthalt in einem Findelhaus ersparen?" "Du hast eine Vorstellung! Ab 1850, gerade in der Zeit, als meine Kinder auf die Welt kommen, ist ein Schwangerschaftsabbruch nach der christlichen Lehre als Mord absolut verboten. Dafür wird man auch streng bestraft."
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"Das stimmt nicht, man kann über den Schwangerschaftszeitpunkt die Strafe reduzieren oder ihr zur Gänze entkommen!" "Aber wer kann sich solch eine Prozedur leisten? Wir sicher nicht! Nicht einmal Kräuterweiber oder Quacksalber, die mit pflanzlichen Essenzen wie Efeu, Petersilie, Rainfarn, Salbei, Wermut, Malve oral, vaginal oder rein äußerlich einen Schwangerschaftsabbruch herbeiführen, können wir bezahlen."
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"Welche Möglichkeiten bleiben dafür also außerhalb der Findelhäuser?" "Am ehesten funktioniert eine 'Abtreibung' mit harmlosen heißen Sitzbädern, Aderlass, Klistieren oder Heben schwerer Lasten. Schließlich gibt es auch die brutale Art, dass willige Hebammen Stricknadeln lebensgefährlich einsetzen."
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(Nächste Folge handelt vom selben Thema.)
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