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Episode 56

18.07.2025

Vom Kaiserreich zum »Fleckerlteppich«

Genealogie ist eine vielschichtige Herausforderung, ein spannendes Feld zwischen Faszination, Frustration und Leidenschaft.
Die Echtheit und Aussagekraft der zahlreichen Quellen ist dabei von zentraler Bedeutung, auch wenn absolute Verlässlichkeit nicht immer gegeben ist. Seit 2008 sammle ich mit großer Sorgfalt genealogische Unterlagen und der Recherche historischer Hintergründe widme mich kontinuierlich – Woche für Woche.
Es freut mich besonders, wenn auch Leserinnen und Leser Interesse an diesen Geschichten zeigen und in ihnen ebenso viel entdecken können wie ich.
LudwIg I. »Der Fromme« König der Franken, Kaiser des HRR
Gisela *819; †874 - Enkelin von Karl dem Großen
Legende für Farben: Deutsche - besondere Merkmale
„Edle Gisela, Sie sind die Tochter Kaiser Ludwigs des Frommen, Schwester von Kaiser Karl dem Kahlen und Mutter von Kaiser Berengar  I. – selbst aber waren Sie weder Königin noch Kaiserin. Ist das das Schicksal der Frauen Ihrer Zeit?“
„Natürlich hängt das damit zusammen. Auch wenn es vereinzelt Frauen in höchsten Machtpositionen gab wie Eirene von Byzanz, blieben solche Fälle Ausnahmen. Eirene regierte tatsächlich als Kaiserin und schloss im Jahr 797 sogar ein Bündnis mit meinem Großvater Karl dem Großen. Doch nur fünf Jahre später, im Jahr 802, wurde sie abgesetzt, vor allem wegen des römischen Rechts, das Frauen das Oberkommando über ein Heer untersagte. Solche Regeln setzten Frauen damals enge Grenzen, selbst wenn sie königlicher Herkunft waren.“
Karl der Große und der junge Ludwig der Fromme. Miniatur aus einer Handschrift der Grandes Chroniques de France, 14. Jahrhundert.
„Wie entwickelten sich die Machtverhältnisse im Frankenreich nach Karl dem Großen, Ihrem Großvater?“
„Mein Vater Ludwig I., der Sohn Karls des Großen, wurde 778 als Zwilling geboren, gemeinsam mit meinem Onkel Lothar, der jedoch schon im Säuglingsalter starb. Im Alter von drei Jahren wurde mein Vater in Rom von Papst Hadrian  I. getauft und zugleich zum Unterkönig von Aquitanien gesalbt. Seine älteren Brüder, Pippin, König von Italien und Mitkönig unseres Großvaters, sowie Karl der Jüngere, König von Neustrien, starben bereits 810 bzw. 811. Nach dem Tod Karls des Großen im Jahr 814 war mein Vater schließlich der einzige noch lebende Sohn und wurde als Ludwig der Fromme zum alleinigen Herrscher über das gesamte Frankenreich.“
Leo III. auf einem Mosaik im Lateran-Palast (799)
Den Eid „ohne zu stocken“ zu sprechen, war Zeichen göttlicher Unschuldsbestätigung.
„Papst Hadrian I. starb im Jahr 795. Wer wurde nach ihm Papst, und was gibt es über ihn zu sagen?
„Bereits am Tag nach Hadrians Tod wurde Leo  III. zum Papst gewählt. Sein Leben war eng mit unserer karolingischen Dynastie verbunden. Wie Hadrian erkannte auch Leo unseren Anspruch als Schutzmacht Roms an und bestätigte dies durch einen Treueeid. Im Jahr 799 geriet er jedoch in große Gefahr: Anhänger Hadrians versuchten, ihn zu blenden und ihm die Zunge abzuschneiden. Sie sperrten ihn in ein Kloster. Leo überlebte das Attentat, wenn auch schwer verletzt. Seine Getreuen verhalfen ihm zur Flucht nach Paderborn, wo sich mein Großvater Karl der Große aufhielt. Dieser empfing sowohl Leo als auch dessen Gegner, entschied jedoch, dass der Streit in Rom geklärt werden müsse.
Doch dort kam es zu keiner geordneten Lösung. Deshalb reiste Karl selbst nach Rom und veranlasste am 23. Dezember 800 einen Reinigungseid Leos gegen die Vorwürfe, u. a. des Ehebruchs. Leo sprach diesen Eid klar und ohne zu stocken, was viele als Zeichen seiner Unschuld werteten.
Nur zwei Tage später, am 25. Dezember 800, krönte Leo III. Karl den Großen zum Kaiser.“

„Aber mit den Kriegen gegen die Awaren, die Ihr Großvater 791 begann – hatte damit nicht eher Ihr Onkel Pippin zu tun als Ihr Vater?“
Das stimmt. Die entscheidenden Feldzüge fanden 795 und 796 statt. Mein Onkel Pippin führte sie gemeinsam mit Markgraf Erich von Friaul gegen ein innerlich zerstrittenes und bereits geschwächtes Awarenreich, angesiedelt in Ungarn, Ostösterreich und Teilen Südosteuropas. Die Truppen stießen weit vor, bis in die Pusztalandschaft östlich der Donau. Dabei erbeuteten sie gewaltige Schätze aus den sogenannten Awarenringen. Diese wurden im Frankenreich verteilt – ein Teil davon gelangte sogar an den Papst.
Zur Unterstützung des Kriegszugs begann man sogar mit dem Bau eines Kanals zwischen Rhein und Donau – ein ehrgeiziges Projekt, das jedoch nie vollendet wurde.“
Verwirklicht wurde die Idee eines Rhein-Main-Donau-Kanals, der Rotterdam an der Nordsee mit Constanța am Schwarzen Meer verbindet, im Jahr 1992.
„Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrer engsten Familie?“
„Gelinde gesagt: kompliziert und geprägt von der Machtgier meiner Brüder.
Anfang der 830er Jahre entmachteten meine drei Brüder unseren Vater und nahmen ihn gefangen. Sie lösten ihre Herrschaftsbereiche zunehmend aus dem Reichsverband heraus. Meinen Vater ließen sie nur noch als Titularkaiser bestehen. In dieser Rolle übergab er mir und meinem Ehemann, Eberhard von Friaul, die Ortschaften Ascq, Flers und Gruson, eine eher bescheidene Mitgift.
Drei Jahre nach seinem Tod, also 843, unterzeichneten meine Brüder – Kaiser Lothar I., Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche – den Vertrag von Verdun. Damit besiegelten sie die Teilung des Frankenreichs und das faktische Ende seiner Einheit.“
Vertrag von Verdun (843)
Im Vertrag von Verdun teilten die drei Söhne Ludwigs des Frommen das Frankenreich unter sich auf:
  • Karl der Kahle erhielt das Westfrankenreich – der Ursprung des späteren Frankreichs.
  • Ludwig der Deutsche erhielt das Ostfrankenreich – daraus entwickelte sich das Heilige Römische Reich (Deutscher Nation).
  • Lothar I. erhielt das Lotharii Regnum („Mittelreich“) – die Grundlage für das spätere Königreich Burgund und das Herzogtum Lothringen.
Vertrag von Meerssen
Prümer Teilung (855)
Im Jahr 855 veranlasste Lothar I. die Teilung des Mittelreichs unter seinen drei Söhnen – ein Vorgang, der als Prümer Teilung in die Geschichte einging.

Vertrag von Meerssen (870)
Nach dem Tod der Söhne Lothars I. wurde das verbliebene Mittelreich im Jahr 870 erneut aufgeteilt.
Im Vertrag von Meerssen teilten sich nun Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche die Gebiete – das Mittelreich hörte damit faktisch auf zu existieren.
Vertrag von Ribemont (880)
Nach mehreren gescheiterten Versuchen Karls des Kahlen, das gesamte Mittelreich zu erobern – unter anderem in der Schlacht bei Andernach (876) –, erhielt der ostfränkische König Ludwig III. im Vertrag von Ribemont (880) die Westhälfte Lotharingiens zugesprochen. Damit wurde die Teilung des Frankenreichs vorläufig abgeschlossen. Die Grenze zwischen dem Ost- und dem Westteil blieb über weite Teile des Mittelalters hinweg nahezu unverändert.
Vertrag von Ribemont
Quellen: Myheritage, Geni, Wikipedia, navigator-allgemeinwissen.de, planet-wissen.de
Reaktion zu Episode 55 – »Karl der Große, mein 35-facher Urgroßvater«
Ursula Japtok: „Wieder einmal eine tolle Recherche! Ich erinnere mich noch gut an die damaligen trockenen Berichte der Geschichtsbücher! Mit Deinen Texten hätten sie mir besser gefallen! Auf diese Art hätte ich damals meinen Geschichtsunterricht halten sollen.“
Antal: „Danke für diesen Ausflug in recht frühe mittelalterliche Geschichte. Wie so oft zeigt sich auch bei Karl dem Großen, daß sehr erfolgreiche Menschen keineswegs (bzw. sehr selten) auch sehr gute Menschen sind – leider braucht es wohl einen erklecklichen Grad an Rücksichtslosigkeit. Dies wollte ich Zeit meiner Berufslaufbahn nicht zur Kenntnis nehmen – daher war mir klarerweise auch keine Generaldirektorsposition in einem DAX-Konzern beschieden…“
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