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Episode 49

16.5.2025

Back to the roots

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich, obwohl manchmal nicht zu 100 % erreicht. Die genealogischen Unterlagen sammle ich intensiv seit 2008, die allgemeinen historischen Tatsachen recherchiere ich von Woche zu Woche. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser diese Geschichten interessant finden.
Leopold II von Babenberg, Markgraf von Österreich *1050; †1095 - 25-f. Urgroßvater
Dedo I von Wettin, * ?; †1009 - mein 29-facher Urgroßvater
Wittekind II der Große (als König), Wittekind I (als Herzog) der Sachsen *740; †810 - mein 34-facher Urgroßvater
Bodo Frithlufsson, König der Sachsen *215; †307 - mein 47-facher Urgroßvater
+ 57-facher Urgroßvater meiner Großcousine Judith Wells
Harderich, König von Sachsen *90 v.Chr.; †4 v. Chr. - mein 56-facher Urgroßvater
Legende für Farben: Österreicher Sachsen - besondere Merkmale
„Hochgeschätzter Herr Diakon Mag. Kreußler, Sie haben 1818 ein Buch über die Fürsten von Sachsen verfasst. Was war der Grund dafür, dieses Werk »Sachsens Fürsten« zu schreiben? Es enthält so viele abenteuerliche Details auf dem Weg zu meinen Vorfahren, zu meinen Wurzeln.“
„Es ist eine Festschrift für den sächsischen Kurfürsten Friedrich August III (*1750; †1827) den Gerechten, um ihn mit meinen Berichten und den Zeichnungen von Herrn Rosmäsler über seine Vorfahren zu ehren. Wahrheitsgemäß verwies ich darauf, dass wir uns bis zu Wittekind I auf phantasievolle Sagen verlassen mussten.“
„Bis zu Wittekind I, dem letzten König und ersten Kurfürsten von Sachsen, der als Gegner von Kaiser Karl dem Großen historisch erwähnt wird, ist es also ein Märchenbuch?“
„Jein, ich nehme dabei nicht nur Bezug auf die geschichtlich erwiesenen römischen Kaiser wie Valerian (†260) und Valentinian (*321; †375); ich verweise auch auf charakteristische Unterschiede zu anderen Herrscherhäusern. Unter den sächsischen Regenten gab es nämlich nicht nur Könige, sondern auch Oberhäupter, die nur Heerfürsten oder Warlords waren. Solche unterschiedlichen Funktionen erhielt man nicht (nur) durch Abstammung, sondern prinzipiell über eine Wahl. Ab Wittekind oder Widukind I decken sich meine Angaben mit den allgemein anerkannten Tatsachen, die schriftlich belegt sind.“
„Ehrenvoller König Harderich, wie fühlt man sich in einer sagenumwobenen, vorchristlichen Zeit, begrenzt durch Wahrscheinlichkeitsberechnungen?“
„Begrenzt durch Verunsicherung seid nur Ihr, ich fühle mich wohl und frei und amüsiere mich (auf der nachstehenden Auflistung links oben) über Eure Verständnisprobleme.“
„Ruhmreicher König Bodo, von Ihnen weiß man, dass Ihre Söhne Heerfürsten in Gallien, Italien und Spanien wurden. So glaube ich, dass Sie die Person sind, an der sich meine und die amerikanischen Vorfahren meiner Großcousine Judith treffen. Können Sie sich vorstellen, welche Überraschung das für mich war?“
„Ich weiß nur, dass ich der neunte Nachfahre von Harderich (rechts oben) bin.“
*90 v. Chr. - †76 n. Chr.
*22 n. Chr. - †190 n. Chr.
*166 - †400
*355 - †524
*490 - †691
*667 - †825
Widukind der Große
*740; †810
„Durchlaucht Widukind der Große (in obiger Aufstellung der Vorletzte), wodurch sind Sie, der Herzog der Sachsen, Ihrer Nachwelt in Erinnerung geblieben?“
„Ganz einfach durch meinen Widerstand gegen den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Karl den Großen in den Sachsenkriegen von 777 bis 785. Nach unserer Niederlage wurden wir 785 dem Reich einverleibt und ich, der Heide, in der Königspfalz Attigny christlich getauft. Taufpate war Karl der Große selber."
Attigny war der Ort, an dem 762 der »Gebetsbund von Attigny« stattfand. Die 22 Bischöfe, 5 Abtbischöfe und 17 Äbte verpflichteten sich, im Todesfall eines der Ihren
über Landesgrenzen hinweg seiner mit jeweils 100 Messen zu gedenken. Diese Synodalverbrüderung beruhte auf Gegenseitigkeit und war rechtsverbindlich. Für dieses Netzwerk wurden Listen mit den Namen der betroffenen Geistlichen angefertigt. Diese stellen eine wesentliche Quelle zur Geschichte des Mittelalters dar.
„Herr Graf Dedo von Wettin, Sie sind der Erste, der sich in eine historisch gesicherte Ahnenforschung tatsächlich einordnen lässt. Ich weiß, dass Ihr Vater, Dietrich I, der Stammvater des Geschlechtes der Wettiner ist, bin mir aber nicht sicher, ob Widukind der Große oder doch jemand anderer Ihr 4-facher Urgroßvater ist. Können Sie mir etwas dazu sagen?“
„Das interessiert nicht einmal mich, wieso also Dich? Ich habe andere Sorgen.“
„Ich weiß aus meinen Unterlagen, dass Sie in einer sehr kriegerischen Zeit leben. Wollen Sie mir dazu etwas sagen?“
„Ich wuchs nicht bei meinen Eltern auf, sondern bei einem mächtigen Verwandten meines Vaters. Es war Rikdag, der Markgraf von Meißen, Zeitz und Merseburg. Ab 974 beteiligte ich mich an der Rebellion des Herzogs Heinrich von Bayern gegen Kaiser Otto II und später auch gegen dessen Sohn Otto III. Aber mein Ziehvater stellte sich auf deren Seite und verweigerte mir jedwede Unterstützung.“
Otto III – *980; †1002
Walbeck-Wappen
„Aber es gab doch auch andere Differenzen, wie ich hörte.“
„976 befehligte ich ein böhmisches Heer, das Zeitz einnahm und die Bischofskirche ausraubte. Mit der Beute führte ich auch meine Mutter als Gefangene fort. Als mein Schwiegervater Markgraf Dietrich von der Nordmark starb, wollte ich sein Erbe, die Nordmark. Seit aber Lothar von Walbeck diese für sich beansprucht, liege ich mit ihm immer noch in schwerem Kampf, bei dem ich auch eine seiner Burgen zerstörte.“
Leopold I von Babenberg, geboren in Pöchlarn, Sohn des Ernst von Babenberg und der sächsischen Adelheid, scheint 976 als Markgraf der Ostmark auf, zu dem er dank seiner Treue zu Kaiser Otto II ernannt worden war. Sein Sohn Heinrich I folgt ihm in dieser Position.
„Hochgeschätzter Markgraf Heinrich, Sohn Leopold I von Babenberg, Sie herrschen seit 994 über die Ostmark. Was Besonderes passierte in Ihrer Zeit?“
„996 wird meine Markgrafschaft erstmals »Ostarrîchi« genannt, als Kaiser Otto III ein kleines Gebiet, im Volksmund »Niuuanhova« genannt, an das Bistum von Freising schenkte und wie andere auch damit meinen Grafschaftsrechten entzog.“
Die Ostarrîchi-Urkunde der Schenkung Ottos III.
Diese Schenkung betrifft zunächst nur ein Gebiet von 30 Königshufen (etwa 1.000 ha) rund um Neuhofen an der Ybbs in Niederösterreich. Die Markgrafschaft Ostarrîchi selber umfasste wenige Jahrzehnte nach der Jahrtausendwende Gebiete, die bezeichnet werden als »entlang der Donau eher spärlich besiedeltes und vielfach von Urwald bedecktes Land. Es dürfte von 20.000 bis 30.000 Personen, einem Mischvolk von Baiern, Slawen, romanisierten Kelten und Langobarden, die Ackerbau und Viehzucht betrieben«, bewohnt gewesen sein.
Nach Markgraf Heinrich I folgte 1018 sein Bruder Adalbert in dieser Position. Dessen Sohn Ernst von Babenberg heiratete Adelheid von Meißen, ihrerseits die Enkelin von Dedo I von Wettin. Ihr Sohn war Leopold II, womit sich die österreichische und sächsische Linie unter meinen Vorfahren vereinen.
„Edler Markgraf Leopold II, als Markgraf von Österreich sind Sie Teil des machtpolitischen Geschehens zwischen weltlichen und geistlichen Positionen.“
„Meine vielfältigen Kontakte zu maßgeblichen Schlüsselfiguren veranlassen mich, mich in das strategische Geschehen einzumengen. Zum König und späteren Kaiser Heinrich IV hatte ich ein ausgezeichnetes Verhältnis, wofür er mir 1076 eine Schenkung zukommen ließ. Aber bereits 1075, dem Jahr meines Amtsantritts, begann der offene Konflikt zwischen ihm und Papst Gregor VII. Trotzdem war ich auch nach seinem Gang nach Canossa noch an seinem Hof.“
„Was aber veranlasste Sie, Ihre Meinung so radikal zu ändern?“
„Überzeugt hat mich die Argumentation des Bischofs Altmann von Passau, der als päpstlicher Vikar für Deutschland gegen Heinrich IV war und für die gregorianische Kirchenreform eintrat, bei der über die Stellung von Laien und Klerikern zueinander sowie über die Stellung des Papstes in der christlichen Kirche gestritten wurde. Diese Kirchenreform wandte sich gegen das Eigenkirchenwesen, das die Bestellung des Klerus den Bischofen entzog und den adeligen Laien zugestand; vor allem aber gegen die Priesterehe."

rechts: Bischof Altmann von Passau auf einem Kirchenfenster (1883) in der Pfarrkirche Thalheim
Quellen: Myheritage, Geni, Wikipedia, Zeitreisen der Wiener Zeitung Nr. 321 vom 1. März 2013, Sachsens Fürsten
Reaktionen:
Günter Ofner: Zu der Passage: „Bis zu Wittekind I, dem letzten König und ersten Kurfürsten von Sachsen, der als Gegner von Kaiser Karl dem Großen historisch erwähnt ...”: Kurfürsten gab es erst ab der “Goldenen Bulle” 1356. Also viele Jahrhunderte nach Widukind. https://de.wikipedia.org/wiki/Goldene_Bulle


Egon: Das ist vollkommen richtig. Anstatt dessen hätte es in der Passage
„ ... Festschrift für den sächsischen Kurfürsten Friedrich August III (*1750; †1827) den Gerechten ...“ vier Zeilen darüber richtig heißen müssen:
„ ... Festschrift für den als Friedrich August III letzten Kurfürsten und als Friedrich August I ersten König von Sachsen ...“ Ich bitte um Entschuldigung.
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_August_I._(Sachsen)
Antal: Die Historie vor etwa 1000 scheint mir doch recht lückenhaft dokumentiert. Nach meinem Verständnis ist die Schriftlichkeit (und damit zweifelsfreie Rückverfolgbarkeit) im Frühmittelalter nicht gerade ausgeprägt. Spannend war es ja offensichtlich allemal! Jedenfalls faszinierend, daß es genealogisch zwar nicht 100% gesicherte, aber doch denkbare Wege bis in vorchristliche Zeit zu geben scheint. Deshalb mein Gedanke, mich später mehr damit zu beschäftigen. Bis dahin glaube ich, dass sehr viel unserer Annahmen auf Märchen, Sagen, Hörensagen beruhen. Aber Glauben heißt nicht Wissen, wie wir umgangssprachlich auch sehr philosophisch feststellen...
Egon: Vieles ist relativ zur kulturellen Entwicklung an verschiedenen Orten.
Reaktion zu Episode 48 – Der »Urwaldoktor«:
Antal: Ein echter Tausendsassa, dieser Albert Schweitzer! Zu seiner Zeit sprach man auch von „Polyhistor“. Diesen Begriff vermisse ich in heutigen Diskussionen sehr, vor allem aber den Typen Mensch, der so bezeichnet wurde. Gut, wir wissen, daß sich das gesamte menschliche Wissen in immer kürzeren Zeitabständen verdoppelt und daher niemand mehr ein „Total-Histor“ sein kann, aber ein bisschen mehr Menschen, die wenigstens bedingt „Poly-„ sind, wären schon noch wünschenswert. Man kann zwar heute alles googeln, aber Fragen ohne ein breites Wissen an ChatGPT zu stellen, wird nicht zu richtigen und wichtigen Fragen bzw Suchbegriffen führen!
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Egon Biechl Privat