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Episode 65

12.12.2025

Emissär des Generals von Waffenberk

Legende für Farben: Österreicher, Mährer, Ungarn, besondere Merkmale
„Liebe Judith, bevor wir das mittelalterliche Treffen bei unserem 29-fachen Urgroßvater Heinrich I. von Schweinfurt so richtig genießen, möchte ich meinen eigenen Weg dorthin schildern. Das war auch der Wunsch der Mehrheit der Leserinnen und Leser.“
„Lieber Egon, Du hast mich jetzt glaubwürdig dorthin geführt, aber es ist doch absurd, dass Du nicht nur über Deinen väterlichen Großvater und mich dorthin findest, sondern auch über Deine Mutter! Ich bin tatsächlich gespannt.“
Judith Wells (Biechl) *1956; – meine Großcousine
Egon Biechl *1942;
Ernestine Biechl (Berger) *1905; †1969 – meine Mutter
Gottfried Berger *1871; †1921 - mein Großvater
Maria Uitzová *1871; †1920 - meine Großmutter
František Adam Berger, *1738; †1790 Emissär des Generals Waffenberk
mein 4-facher Urgroßvater
Judiths und Egons Stammbäume treffen sich 970 / 975 bei Heinrich I. v. Schweinfurt
„Zu Beginn ein kurzer Rückblick auf unsere unmittelbaren Gemeinsamkeiten:
Ich war 23 Jahre alt, als ich Dich, die damals 11-Jährige, kennenlernte. Ich freute mich sehr, weil Du die Tochter meiner Cousine Hilde warst. Hilde schätzte ich besonders: Als ich vier Jahre alt war, hatte sie sich so fürsorglich um mich gekümmert, während meine Mutter sich mit ihren Eltern unterhielt.“
Ich freute mich, Dich zum ersten Mal zu treffen, da Du der Sohn meines Onkels Alois warst, für den ich gelegentlich Besorgungen machte.
In Erinnerung geblieben bist Du mir aber vor allem wegen Deines unglaublich lauten Motorrads – dem fehlte nämlich der Auspuff! Wir hörten den schrecklichen Lärm, den Du damals um Mitternacht bei Deiner Heimfahrt machtest, sage und schreibe acht Minuten lang. So lange dauerte es, bis Du die zweieinhalb Kilometer von Pradl bis in die Innsbrucker Innenstadt zurückgelegt hattest. Das war wirklich unvergesslich!“
„Lieber Großvater, Johann Gottfried Berger, Vater meiner Mutter, leider habe ich Dich nie persönlich kennengelernt. So weiß ich auch nicht viel über Dich, außer dass Du 1871 in Mähren geboren wurdest und jetzt, 30 Jahre später, in Innsbruck lebst. Warum dieser Ortswechsel?“
“Ich bin Tischlermeister. Mein Geburtsort Klečůvka bei Zlin in Mähren hat etwa 400 Einwohner, die neben wenigen Hoferben meist ärmliche Landbewohner sind. Deshalb gibt es dort für unseresgleichen nicht viel Arbeit.
Jeder Einwohner in diesem kleinen Ort weiß, dass Deutschösterreich mit Wien als Zentrum große Möglichkeiten zur beruflichen Entwicklung bietet. Wien war aber bereits überrannt,
Deshalb zog ich als deutschsprachiger »Binnenflüchtling« in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gleich nach Innsbruck, wo ich weniger Konkurrenz habe, weiter. Es kam mir zudem entgegen, dass ich hier weit von der östlichen Front zu Russland war.“
„Aber Innsbruck liegt doch auch an einer Front, nämlich jener gegen Italien.“
„Das stimmt, aber es ist, da es durch Süd- und Welschtirol geschützt ist, das Zentrum des Hinterlandes. Zudem ist es ein Verkehrsknotenpunkt und ein ideales Areal für Versorgungszentren, Lazarette und die Militärverwaltung.“
Uherské Hradiště wurde im Jahr 1257 durch Ottokar II. Přemysl auf einer Insel in der March gegründet. Die Stadt, die damals Nový Veligrad hieß, liegt in der Nähe von Klečůvka bei Zlín. Anfangs bestand die Festung aus einer Holzmauer, einem Graben und einem Erdwall.
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts erhielt die Königsstadt den Namen Hradiště. Im 17. Jahrhundert wurde dieser Name um den Zusatz Uherské (Ungarisch) erweitert, da die Stadt an der Grenze zum damaligen Königreich Ungarn lag.
Von diesem Zeitpunkt an diente die Festung – die mittlerweile von einem soliden Steinwall umgeben war – als Grenzsicherung der Habsburgermonarchie gegen das Osmanische Reich.
Unter Kaiser Joseph II. verlor die Festung schließlich ihre strategische Bedeutung und wurde im Jahr 1782 aufgegeben.
„Liebe Großmutter, Maria Uitzova, wie siehst Du das?“
„Alles, was Dein Großvater sagt, ist richtig, aber etwas sehr Wichtiges übersieht er dabei. Er kommt aus Mähren, ich aus Ungarn, aus Neuhaus am Klausenbach, wo wir gemeinsam lebten und wo 1894 auch Gottfried, mein Erstgeborener, zur Welt kam.
Seit 1898 durften wir Deutschsprachigen unseren Heimatort nur mehr Vasdobra nennen. Im Rahmen der Magyarisierungspolitik war es sogar auf öffentlichen Plätzen nicht mehr erlaubt, Deutsch zu sprechen.
Besonders betroffen hat mich, dass Gottfried nur mehr in ungarischer Sprache unterrichtet wurde. Ich war daher die Erste, die von dort weg wollte. Die Region wurde erst 1920/21 Teil des südlichsten Zipfels des Burgenlandes – aber da waren wir schon lange weg. Wir zogen nämlich noch vor der Geburt Deiner Mutter Erna im Jahr 1905 nach Innsbruck“
Modell der mittelalterlichen Stadt noch vor dem Abriss der Festungsmauern
„František Adam Berger, hochgeschätzter Ahnherr, Sie leben seit Ihrer Geburt 1738 in Uherské Hradiště. Hatten Sie bis zur Schließung der Festung einen besonderen Beruf?“
Ja, ich hatte eine Sonderstellung. Als Emissär und Überbringer geheimer Nachrichten des kaiserlichen Generals Franz Anton von Waffenberk genoss ich so viel Vertrauen, dass ich sogar als sein Stellvertreter auftreten konnte. Die Entmilitarisierung im Jahr 1782 kostete mich, den 44-Jährigen, meinen Beruf. Ich musste mir dringend überlegen, wie es für unsere Familie weitergehen sollte, und ließ deshalb meinen Sohn Jan zum Schneider ausbilden. Wären wir als Landarbeiter außerhalb der Stadt geblieben, wären wir sicher schnell verarmt. Wir sprachen nämlich aufgrund unserer intensiven Kontakte zum kaiserlichen Militär Deutsch und nicht den mährischen Dialekt.
„Welche Kontakte hatten Sie dabei?“
Die Kontakte waren umfassend. Ich habe zwar Johann Georg Christian Fürst von Lobkowitz, den ehemaligen Vizekönig von Neapel, der hier von 1746 bis 1751 Festungskommandant war, nie persönlich getroffen – wohl aber seine fünf Nachfolger.
Für meine spätere Position als Emissär eines Generals war diese Nähe zu den Kommandanten auch völlig selbstverständlich.
„Wie wirkten sich die Kriege auf Ihre Heimatstadt Uherské Hradiště aus?
„Die Kriege waren eine schwere Last für uns:

1. Die Belastung (Siebenjähriger Krieg 1756–1763)
Im Siebenjährigen Krieg gegen die Preußen diente unsere geliebte Festung als ständige logistische Basis und riesiges Nachschubdepot.
Stellen Sie sich vor: Die ständigen Einquartierungen und die ewigen Versorgungspflichten für die kaiserlichen Truppen brachten uns Stadtbürger in organisatorische und finanzielle Schwierigkeiten. Obwohl wir nie direkt belagert wurden, musste ich selbst oft zu Schanzdiensten antreten und die Wälle instand halten.

2. Der Schock (Nach dem Bayerischen Erbfolgekrieg 1778–1779)
Nach dem Bayerischen Erbfolgekrieg kam der große Schock: Die Festung verlor ihre Bedeutung und wurde zum Opfer der josephinischen Reformen. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen, denn die Stadt verlor ihren Status als strategischer Militärstützpunkt und ich – wie gesagt – meinen Beruf!

3. Die Wende (Neuanfang)
Zum Glück hatte das Ende der Festung auch eine gute Seite: Wir begannen mit der Demontage der alten Wälle. Dadurch wurde Baumaterial frei, und unsere Stadt konnte endlich über diese beengenden Mauern hinauswachsen. Wir bekamen Platz zum Atmen.

4. Der letzte Akt (Österreichisch-Türkischer Krieg 1788–1791)
Beim Österreichisch-Türkischen Krieg war unsere Stadt dann nur noch eine Durchgangsstation. Irgendwie waren wir traurig zu sehen, wie die jungen Männer ohne den Schutz unserer Mauern in Richtung der türkischen Front durchmarschierten.“
Der Siebenjährige Krieg (1756–1763)
Dieser Krieg wurde gegen Preußen (Friedrich II.) geführt. Maria Theresias Hauptziel war die Rückeroberung Schlesiens, das Österreich zuvor im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) an Preußen verloren hatte.
Der Bayerische Erbfolgekrieg (1778–1779)
Auch dieser Konflikt richtete sich gegen Preußen (Friedrich II.). Ausgelöst wurde er durch die Ansprüche Kaiser Josephs II. auf Teile Bayerns, nachdem die bayerische Wittelsbacher-Linie ausgestorben war. Der Krieg endete mit dem Frieden von Teschen; Habsburg gewann lediglich das Innviertel. Wegen des starken Fokus auf Nachschub und Manövern – statt auf Schlachten – erhielt er auch den Beinamen »Kartoffelkrieg«.
Der Österreichisch-Türkische Krieg (1788–1791)
Dieser Krieg wurde unter Kaiser Joseph II. gegen das Osmanische Reich geführt. Österreich trat in den Konflikt ein, um seinen Verbündeten Russland zu unterstützen.
Quellen: Wikipedia, MyHeritage, Geni
Reaktion zu Episode 64:
Antal Braunecker: Hast Du die von Dir erwähnten alten Chroniken wirklich gelesen im Rahmen Deiner Forschung?
Egon: Nein! Aber ja: Es stimmt, dass man manchmal nicht darum herumkommt, Dokumente aus vergangenen Zeiten in Kurrentschrift zu lesen, aus Latein und Althochdeutsch zu übersetzen und sie zusätzlich auf Glaubwürdigkeit zu prüfen. Es wäre aber vermessen, in diesem Zusammenhang von »allen« zu sprechen. Es gibt doch so viele ausgebildete Historiker, deren Informationen, die auch nicht immer 100-prozentig stimmen müssen (!), ich nutzen kann.