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Episode 28

29. 11. 2024

Klosterverwandtschaften

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
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Ernestine Biechl (Berger) *1905; †1969 - meine Mutter

Zur Gründerin des Servitenklosters in Innsbruck:
Ulrich I von Neuhaus *1222; †1282 - mein 20-facher Urgroßvater
Anne Juliana Habsburg (Gonzaga di Mantova), Erzherzogin vonTirol *1566; †1621 -
9-fache Urgroßenkelin von Ulrich I

Zum Gründer des Klosters der Servi di Maria in Saluzzo:
Hl. Luitpold III v. Babenberg, Markgraf v. Österreich *1073; †1136 - 25.-f. Urgroßvater
Manfredo IV del Vasto, Marchese v. Saluzzo *1262; †1340 - sein 3-facher Urgroßenkel


Zum Gründer der Serviten-Basilica von Superga:
Ulrich I von Neuhaus *1222; †1282 - mein 20-facher Urgroßvater
Vittorio Amedeo Francesco di Savoia, König von Sardinien und Sizilien *1666; †1732 13-facher Urgroßenkel von Ulrich I
Legende für Farben: Österreicher - Italiener - besondere Eigenschaften
„Eure Durchlaucht, Anna-Juliana-Katharina von Habsburg, Erzherzogin von Tirol, warum habt Ihr im Herzen von Innsbruck ein Kloster errichten lassen?“
„Was berechtigt Dich dazu, mit mir so nonchalant über dieses Thema zu reden?“
„Immerhin verbrachte ich hier die Zeit von 1957 bis 1965, während der ich die Gymnasialstudien mit der Matura abschloss, eingekleidet wurde und die Pflicht zum Noviziat erfüllte. Es ist der Konvent der Diener Mariens, des Ordens, den auch Du schon kanntest.“
„Das klingt interessant! Worüber also willst Du Dich mit mir austauschen?“
Einkleidungszeremonien
„Den Pater Joachim Maria Auer, gestorben 1623, links ganz oben, den kanntest Du sicher. Ich kenne den Pater Provinzial Richard M. Riccabona, gestorben 1972, rechts mit Pfeil.
Er ist jener Geistliche, der mich (siehe oben) 1963 hier einkleidete.“
„Ich bin tatsächlich sehr beeindruckt von Deinen Vergleichen mit meinen Erinnerungen.“
Totentafeln aller Priore
„Lieber Egon, als Tochter von Wilhelm von Gonzage-Mantua heiße ich Anna Caterina Gonzaga-Mantova. Da meine Mutter Eleonora, Erzherzogin von Österreich ist, bin ich 1566 in Innsbruck geboren. Gemäß der päpstlichen Dispens für Inzucht im Hause Habsburg muss ich als 16-Jährige meinen Onkel Ferdinand I von Habsburg, Erzherzog von Österreich, der 37 Jahre älter ist als ich, nach dem Tod seiner Frau Philippine Welser heiraten. Als er 1595 stirbt, beschließe ich, einen Orden für Servitinnen mit dem Namen »Regelhaus« ins Leben zu rufen und dort, als Nonne zu »Anna Juliana« umgetauft, zusammen mit meiner Tochter Maria und anderen 15 Frauen einzutreten. Für diesen Zweck wurde auf meine Veranlassung die Klosterkirche, über die wir sprechen, so rechtzeitig fertigestellt, dass sie 1614 eingeweiht werden konnte.
„Ehrwürdige Erzherzogin von Österreich-Tirol, ich kann Dir anbei ein Foto des Gewölbes der 1626 nach einem Brand restaurierten Kirche zeigen.“
Wappen für Gonzaga di Mantova (links), Servi die Maria (Mitte) und eine Kombination vom Wappen der Habsburger mit dem der Serviten, alle gemalt von Josef Pfefferle
Aus gesundheitlichen Gründen werde ich nach dem Noviziat, der strengen Einführung ins Ordensleben, zum Studium der Philosophie und Theologie 1965 nach Italien versetzt.
Manfredo IV
„Carissimo Manfredo IV, Marchese di Saluzzo, 1965 kam ich, Frater Clemens M. hierher in den Serviten-Konvent San Giovanni in Saluzzo. Um mir Lust auf Italienisch zu machen, was ich noch nicht konnte, wurde ich sofort von Clemes M. auf den italie-nischen Clemente M. umgetauft. Mich interessierte freilich nicht nur Italienisch, sondern auch die Geschichte dieses Klosters. Was war Deine Rolle hier?
„Dein Bitte ehrt mich, lieber Tiroler. Ich habe auch ausreichend Zeit und vor allem Lust dazu, wieder einmal mit Jemandem über meine Vergangenheit zu reden. Was genau willst Du wissen? Italienisch kannst Du ja jetzt!“
1233 schlossen sich sieben Florentiner Kaufmänner zum Orden der Serviten zusammen. Zu dieser Zeit stand hier eine Kapelle. Wann hast Du hier Kirche und Kloster errichten lassen, in denen die Servi di Maria seit 1829 leben?“
„Seit 1230 stand hier eine Kapelle, die ich 1320 durch eine, dem Hl. Johannes geweihte Kirche, ersetzen ließ und 1336 den Dominikanern übertrug.
Im Übrigen hatte ich wenig Zeit, mich um die Kirche zu kümmern. In erster Ehe war ich mit Beatrix von Hohenstaufen, der Tochter des Königs von Sizilien verheiratet. Von ihr habe ich einen Sohn, Friedrich I. Nach ihrem Tod heiratete ich Isabella Doria, die Großnichte von Papst Adrian V (der nur 38 Tage im Amt war). Sie schenkte mir Manfred V. Zu seinen Gunsten enterbte ich Friedrich und entfachte damit einen Streit, der immer noch andauert.
Für Gespräche über weitere Details setzen wir uns doch auf ein oder auch zwei Glas Barolo, den berühmten piemontesichen Rotwein, zusammen!“
links: Titelseite des Kirchenführers der Kirche S. Giovanni in Saluzzo mit den Fotos und der deutschen Übersetzung von mir

rechts: Pater Luciano Maria, ein Primiziant, der eben erst zum Priester geweiht worden war, und ich, Frater Clemente M.
links: Gestühl zum täglichen Chorgebet rechts: Fresken, von meinem Freund und mir teilweise usachgemäß freigelegt
Im Jahr 1967 zogen wir Kleriker, die ihr Theologiestudium vor der Priesterweihe absolvieren mussten, in ein größeres Kloster, angeschlossen an die Basilica von Superga in zirka 700 m Seehöhe. Dieses wurde 1964 von den Serviten übernommen. Täglich fuhren wir mit den klostereigenen Vespas und Lambrettas hinunter in die Universität von Turin.
Zu unserer Überraschung waren unsere Klosterzellen durch keine »Klausur« versperrt. Dadurch waren sie jetzt auch für Frauen zugänglich. Es kostete uns einige Augenblicke des verblüfften Nachdenkens, aber schon bald gewöhnten wir uns an die lockereren Regeln.
„Edler König Vittorio Amedeo von Savoja, sag mir bitte, ob es stimmt, dass Du die Basilica von Superga gestiftet hast, weil Ihr Piemontesen 1706 gegen die Franzosen gewonnen habt?“
„Das geht Dich nichts an, aber ja, es stimmt.“
„Und wann war das?“
„Es war 1716, also 10 Jahre später. Eingeweiht wurde sie nach 25 Jahren Bauzeit im Jahr 1731. Aber erinnere mich nicht daran! Mein Sohn Carlo Emanuel III verbot mir, dem 66-Jährigen, an dieser Zeremonie teilzu-nehmen. Das werde ich ihm nie verzeihen!“
„Vergiss nicht, auch wir beide sind verwandt!“
„Soll mich das jetzt trösten?“
„Wer betreute zu Beginn die Basilica und das angebaute Kloster?“
Es war der dafür gegründete Orden »Reale Congregazione della Madonna di Superga«.
Leider muss ich Dir etwas ganz Schlimmes erzählen. Im Jahr 1949 stürzte der Flieger, der die berühmte Fussballmanschaft »Gran Torino« von Lissabon zurückbrachte, in den Rückteil des Klosters. Es gab keine Überlebenden.
Erfreulich war für mich hingegen, dass die Servi di Maria 1964 die Betreuung von Superga übernehmen konnten. Mich persönlich hat die Tatsache, dass die Serviten 2021 wegen Nachswuchsmangels - wie ich bei meinen Recherchen herausfand - Superga aufgeben mussten, sehr betroffen. Zu diesem Nachwuchs hätte nämlich auch ich gehören können.“
„Ja, alles ist vergänglich, auch Deine Ausdauer, im Kloster zu bleiben.
Superga von vorne, innen und gesamt mit den Fenstern zu unseren Klosterzellen
Was Besseres ist mir nicht eingefallen als eine neue Zeitschrift.
Der Zölibat kann tödlich sein.
Mein Motorrad, die Gilera, befreit mich.
Quellen: Wikipedia und persönliche Erinnerungen
Reaktion zur Episode:
Antal: Durchaus verblüffende Genealogie ! Das mit der päpstlichen Aufhebung des Inzuchtverbots für die Habsburger wusste ich nicht – mit ein bisserl Zynismus könnte man sagen, daß das in den nachfolgenden Jahrhunderten manchmal Folgen hatte….
Und schade um Superga – was für ein prachtvolles Kloster !
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Egon Biechl Privat