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Episode 23

25.10.2024

Die Bergers

Mein Fund zu den Bergers z Bergu in der tschechischen Wikipedia lädt mich zu intensiveren Nachforschungen ein. Gleichzeitig ist es der Anlass, mich nur auf den Nachnamen Berger mit oder ohne „z Bergu“ zu beschränken. Der erste männliche Berger ist mein Großvater mütterlicherseits:
Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
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Gottfried Johann Berger *1871; †1921 - mein Großvater
Jakub Berger *1665; †1735 -7-facher Urgroßvater
Adam Berger z Bergu *1634; †1692 - 8-facher Urgroßvater
Jiři Berger z Bergu *1612; †1648 - 9-facher Urgroßvater
Jan Václav Kryštof Berger z Bergu *1590; †1640 - 10-facher Urgroßvater
Jiři Berger z Bergu *1560; †1618 - 11-facher Urgroßvater
Štefan Berger z Bergu ex Vrchovský z Vrchoviny 1515; †? - 12-facher Urgroßvater
Jeroným Vrchovský z Vrchoviny a Perušič *1470; †1550 - 13-facher Urgroßvater
Legende für Farben: alle sind Osteuropäer - Adelige
„Lieber Großvater, ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, dass wir von einem Adelsge-schlecht abstammen. Hast Du gewusst, dass Dein 6-facher Urgroßvater Adam ein „von“ im Namen trug?“
„Lieber Egon, wir haben uns leider nicht mehr persönlich kennengelernt. Ich hätte es Dir gleich sagen können. Mir und meinem Vater blieb leider nichts anderes über, als handwerkliche Berufe auszuüben. Ich bin Tischler und er war Müller. “
Gottfried Berger
„Aber wieso bis Du in dem kleinen Ort Klečůvka in Südmähren mit damals 330 Einwohnern gelandet? Unsere Vorfahren waren doch in größeren Städten und in adeligen Kreisen zuhause.“
„Diese Entwicklung begann, als Dein 10-facher Urgroßvater Jan Václav Kryštof Berger z Bergu um 1600 mit seinem Boss von Prag nach Uherské Hradiště, eine der vierzig Königsstädte, die immerhin eine wirtschaftliche und rechtliche Vorrangstellung boten, übersiedelte. Bereits sein Sohn Jiři musste den Beruf eines Kürschners ausüben. Dem folgten Nachkommen mit den Berufen Waffenlieferant, Schneider, Schreiner, Gastwirt, Bauer und Müller bis zu mir, dem Tischler. Diese Berufe waren nicht einträglich genug, sodaß mein Vater um 1820 nach Klečůvka ziehen musste.
„Lieber 9-mal-Urgroßvater Jiři, Du warst doch beim Dreißgjährigen Krieg von 1618 bis 1648 dabei. Was kannst Du mir darüber sagen?“
„Zu Beginn des Krieges war ich gerade einmal 6 Jahre alt, aber tatsächlich musste ich den ganzen Krieg bis zum Friedensschluss 1948 miterleben. Dieses historische Ereignis hatte als Religionskampf zwischen Katholiken und Protestanten begonnen, weitete sich jedoch bald zu einem Krieg um Macht und Territorien aus. Hauptsächlich ging es um die kaiserliche Hegemonie im Heiligen Römischen Reich. Nach dem gescheiterten Prager Frieden 1635 gab es 1636 auf Initiative des Papstes Urban VIII den Ansatz eines Friedensgespräches in Köln, bei dem zwar Vertreter des Kaisers, Spaniens und Frankreichs zugegen, die Protestanten vom Papst jedoch nicht zugelassen waren. Erst als die kaiserlichen Kräfte am Ende waren, als Europa in Schutt und Asche lag, Hungersnöte und Seuchen grassierten, konnte Frieden geschlossen werden. Insgesamt waren, Schätzungen zufolge, sechs Millionen Menschen, (ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung), umgekommen. Der Westfälische Friede im Jahr 1648 wurde zwischen den Katholiken in Münster und den Protestanten in Osnabrück kontemporär ausgehandelt. Frankreich war daraufhin das wichtigste Land Europas. Der Umgang der Konfessionen untereinander war neu geregelt. Außer diesen Tatsachen waren die Ergebnisse nicht berauschend. Manchmal gab es sogar kuriose Folgerscheinungen wie eine halbjährlich alternierende Regierung von katholischen und protestantischen Bischöfen in Osnabrück. Schlimm war, dass sich einige Söldner zu Banden zusammenrotteten und marodierend herumzogen.“
Quellen: Wikipedia, Salzburger Nachrichten vom 2.3.2024
„Wie kommt es, dass Dein Enkel nicht mehr das 'z' oder 'von' als Adeliger trägt?“
„Ich habe zwar immer noch die Position eines Edelmannes, betreibe mittlerweile aber den Beruf eines Kürschners. Warum uns der Adel aberkannt wurde, kann Dir am besten mein Großvater, der auch Jiři heißt, erklären. Jedenfalls freue ich mich, dass ich Dich persönlich kennenlernen konnte.“
„Lieber 11-mal-Urgroßvater Jiři, Dein Enkel Jiři sagte mir, ich kann mich mit meiner Bitte um Informationen vertrauensvoll an Dich wenden. Darf ich?“
„Sag mir vorher, wie viele Jahre zwischen uns liegen!“
„Du wurdest exakt 382 Jahre vor mir geboren! Ich kann Dir also viel erzählen. Von Dir möchte ich gerne wissen, warum und wie der 30-jährige Krieg begonnen hat, und ob auch Du involviert warst. “
Ich wurde 1560 als Sohn von Štefan und Enkel von Jeroným geboren. Weil wir aus dem kroatischen Dorf Vrhovine stammen, wurden wir Vrchovský von Vrchoviny genannt, Erst nach einem längeren Zwischenaufenthalt im Schloss Ebenfurth bei Wiener Neustadt ließen wir uns hier in Böhmen nieder.
Kardinal Dietrichstein
Erst 1689 erwarb ich das böhmische Heimatrecht. Jetzt arbeite ich als Gerichtsschreiber im böhmischen Hofbüro. Ich bin Ratsherr von Kardinal Dietrichstein. Der wurde 1597 zum Priester geweiht, 1599 zum Kardinal erhoben und anschließend als Wunschkandidat von Kaiser und Papst zum Bischof von Olmütz gewählt und ernannt. Wie er gehöre auch ich zu den Verfechtern der Gegenreformation, lasse auch ich mich in Mähren nieder und habe in der böhmisch-mährischen Geschichte eine exponierte Stellung So bin ich in die nachstehenden Ereignisse tatsächlich direkt involviert. Das bedeutet aber auch, dass meine Position als Adeliger gefährdet ist.“
Kaiser Rudolf II, hatte Religionsfreiheit garantiert. Da er sich aber mehr um seine zahlreichen, teils monatlich wechselnden Geliebten als um die Regierungsgeschäfte kümmerte, kam es zum Bruderzwist mit Mathias, der Rudolf 1611 entmachtete und 1612 selber zum Kaiser gekrönt wurde. Mathias veranlasste, dass viele Protestanten aus den königlichen Diensten entlassen wurden, sodass der Einfluss der Katholiken am Hof zunahm. „Das Fass zum Überlaufen“ brachte die Anordnung des Prager Erzbischofs, eine eben erst erbaute evangelische Kirche niederzureißen. Daraufhin empörten sich protestantische Adelige und stellten sich gegen die Katholiken.
Der (zweite) Prager Fenstersturz zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges
„Und wie war das mit dem Fenstersturz aus Deiner Sicht?“
„Ganz einfach. 1618 stürzten die Häretiker zwei von unseren Honoratioren und den Sekretär Philipp Fabricius, den ich gut kenne, 30 Ellen tief aus dem Fenster. Sie fielen - Christus sei Dank - auf einen Misthaufen und konnten so trotz Beschuss ihr Leben retten.“
Dass es zwei Prager Fensterstürze gab, ist allgemein nicht bekannt. Der erste wurde 1419 von Anhängern des vier Jahre zuvor auf dem Scheiterhaufen verbrannten Hetzers Jan Hus begangen. Die Hussiten stürzten zehn Personen, angefangen vom Bürger-meister über zwei Ratsherren, Richter und Gemeinde-ältere von Prag bis zu einem Knecht aus dem Fenster und töteten danach alle, die überlebt hatten. Hiebwaffen dafür hatte die wartende Menge unter ihrer Kleidung versteckt mitgebracht. Fast genau 200 Jahre später ereignete sich der Zweite, „Der Prager Fenstersturz“.
Quellen: Wikipedia und Kurier vom 22. Mai 2018
Trotz der Dramatik dieser Ereignisse gab es - wir vom 21. Jahrhundert hätten das nicht erwartet - auch Kurioses, wenn auch Typisches, nämlich Ahnenverlust. So war Alžběta als Ururenkelin von Jeroným Berger z Bergu (ex-Vrchovský z Vrchoviny) eine Bergerovna z Bergu, sie war es aber auch als Frau seines Urenkels Jan Berger z Bergu.
Das bedeutet mit anderen Worten, dass wir bereits wegen ihrer Inzucht (in Adelskreisen kam sie immer wieder vor) weniger Ahnen haben. Der damalige Zusammenfall von einer einzigen Generation ergibt ein Manko von 612 Vorfahren bei uns. (Sollte jemand diese genealogiespezifische Rechnung besser machen können, bin ich dafür offen.)
Reaktion zu Episode 22 - Mein Ansporn zur Ahnenforschung
Antal: Das rahme ich mir rot ein, wenn ich dann in der Pension ernsthaft anfange, Genealogie zu betreiben.
Egon Biechl Privat