Share this emailCopy the public link or share it on your favorite channel.

30. Episode

13. 12. 2024

Vom Krippenbau zum Vasenwurf

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich. Die genelogischen Unterlagen sammle ich intensiv seit 2008, die allgemeinen historischen Tatsachen recherchiere ich von Woche zu Woche. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
Fehlen die Fotos, klick im Browser
Alois Biechl *1899; †1979 - mein Vater
Mathias Ginner *1636; †1722 - mein 8-facher Urgroßvater
Johann Ginner der Ältere *1756; †1833 - dessen Enkel
Johann Ginner der Jüngere *1806; †1870 - dessen Urenkel

Ernestine Biechl (Berger) *1905; †1969 - meine Mutter
Oberto II Obizzo, Graf von Luni *980; †1013 - mein 29-facher Urgroßvater
Napoleon Bonaparte *1769; †1821 - dessen 22-facher Urgroßenkel
Kaiser der Franzosen 1804 - 1814 + 1815

Ernestine Biechl (Berger) *1905; †1969 - meine Mutter
Ulrich I von Neuhaus *1222; †1282 - mein 20-facher Urgroßvater
Louis XVI de Bourbon *1754; †1793 - dessen 15-facher Urgroßenkel
König von Frankreich 1774 - 1793
Legende für Farben: Österreicher - Italiener - Franzosen - besondere Merkmale
Das ist die Brugger-Krippe mit Figuren, geschnitzt von Johann Giner »dem Äteren«,
ausgestellt im Tiroler Volkskunstmuseum
„Griaß Di Håns, Du bisch der Tiroler Krippelebauer, der dåmit Thaur und gånz Tirol weltbekånnt gmåcht håt. Wer håt Dir dös beibråcht?“
„Du brauchst mit mir nicht im Dialekt zu reden. Ich versteh Dich auch so. Ich lernte das Schnitzen seit 1770 in Imst beim Anton Renn. In München beim Ignaz Günther legte ich eine Art Meisterprüfung ab. Aber warum interessieren Dich meine Krippen?“
„Dein Sohn Romed heißt ja nicht nur Ginner, sondern auch »vulgo Biechl« nach dem Hausnamen des Hofs, den Du ihm vermacht hast. Da sieht man unsere Verbindung ganz klar. Es ist also logisch, dass ich mehr über Dich und Dein Werk wissen will, wird doch auch schon in Amerika von Dir als »Austrian Sculptor« geschrieben.“
„Mir hat das Schnitzen und Bemalen der 15 cm hohen Holzfiguren schon immer gefallen. Dein Interesse freut und ehrt mich.“
Auch noch mein Vater baute Krippen, aber nur die Ställe und Zäune. Die Billig-Figuren kaufte er dazu.
Weihnachtsdekorationen blieben in der Familie, ob mit oder ohne religiösen Hintergrund. Offensichtlich kommt man von solchen Traditionen nicht so leicht weg.
"Ich habe erfahren, dass man Dir 1818 das Ginnersche Familienwappen
verliehen hat. Hat das etwas mit Deiner Holzschnitzerei zu tun?“
„Nur indirekt. Ich habe mir beim Kampf gegen die Franzosen in der Endphase des ersten Koalitionskriegs 1796-1797 große Verdienste erworben, die 1818 mit diesem Wappen anerkannt wurden. Freilich war meine Position als berühmter Holzschnitzer nicht hinderlich. Übrigens: mein Sohn Johann Ginner »der Jüngere« hat meine Berufung als Krippenschnitzer übernommen und weitergeführt.“
„Ich freue mich, kann ich mir doch auch Einiges für mich, der aus der Ginner- Familie stammt, abzweigen.“
„Aber vergiss Eines nicht: da steht »Ginnersches« nicht »Biechlsches« Wappen!“
„Welcher Franzose war an der Spitze Eurer Gegner 1796-1797?
„Was glaubst denn Du? Der Napoleon natürlich!“
Als Koalitionskriege bezeichnet man Auseinandersetzungen großer Militärbündnisse, ursprünglich Preußen und die Habsburger-Monarchie gegen die revolutionären Franzosen. Der erste Koalitionskrieg wurde zwischen 1792 und 1797, der zweite von 1798 bis 1802, der dritte 1805, der vierte zwischen 1806 und 1807 und der fünfte 1809 mit den bei uns berühmten Berg Isel-Schlachten geführt.
Im Verlauf dieser 18 Jahre wurden sie mit diversen Konfliktparteien, die teilweise sogar die Fronten gewechselt hatten, und deren Heerführern zur Verteidigung der Monarchie gegen Frankreich geführt. In dieser Zeit kamen europaweit etwa fünf Millionen Soldaten und eine Million ziviler Bürger zu Tode. Das waren zirka 3,2% der euro-päischen Gesamtbevölkerung von 187 Millionen. Die Toten waren nicht nur Opfer von Kriegshandlungen, sondern auch von Seuchen wie Malaria, Typhus und Dysenterie. Tirol war erst ab 1796 dabei und mit etwa 2.400 Toten ein Nebenschauplatz.
Beteiligte am ersten Koalitionskrieg
Zentral-Europa um 1796
„Mon cher grand Napoleon Buonaparte, zu Deinem Privatleben habe ich Dich schon interviewt (Episode 17), jetzt meine Frage an Dich: inwieweit warst Du in diesen ersten Koalitionskrieg, von dem Johann Ginner spricht, involviert?“
„Jetzt willst Du auch das noch wissen! Mein Werdegang zum besseren Verständnis:
1785 erhielt ich als 16-Jähriger das Offizierspatent. Im Jahr 1789 schloss ich mich zwar nicht de facto, aber emotional der Französischen Revolution an und 1791, nach dem Fluchtversuch von Louis XVI erklärte ich mich als Republikaner.
Louis XVI de Bourbon
König von Frankreich
„Mein hochgeachteter König Ludwig XVI, wie war das mit Deiner Flucht?“
„Ich übernahm 1774 von meinem Großvater Ludwig XV einen Staat am Rande des finanziellen Ruins.
Ich war verzweifelt und berief 1789 zum ersten Mal seit 175 Jahren die Generalstände ein, um mir neue Steuern genehmigen zu lassen. Das mündete im Endeffekt in der Französischen Revolution. Im Juni 1791 musste ich nach meinem mißglückten Fluchtversuch mit dem Ziel Lothringen einer konstitutionellen Monarchie zustim-men, die mich durch eine Verfassung bis zur Machtlosigkeit beschränkte. Und 1792 setzte man mich überhaupt ab und begann den ersten Koalitionskrieg.“
„Das muss ja sehr schwer für Dich gewesen sein!“
„Ich war 17 Jahre lang König der Franzosen. So ein bitteres Ende meiner Herrschaft erwartete ich mir nicht.“
Für Ludwig XVI kam es noch viel schlimmer. Er wurde 1793 wegen »Verschwörung gegen die öffentliche Freiheit und Anschlägen gegen die nationale Sicherheit« zum Tode verurteilt und am nächsten Tag öffentlich mit der Guillotine hingerichtet. Als Folge dieser Exekution traten der Koalition von Preußen und Österreich auch Groß-britannien, die Niederlande und Spanien zur Unterstützung gegen die Franzosen bei.
„Du warst also Republikaner. Wie ging es weiter nach der Hinrichtung des Königs?“
„Zu Beginn des ersten Koalitionskrieges 1792 war ich noch in untergeordneter Position. Nur aus Mangel an Offizieren erhob man mich in den Rang eines »Capitaine«. 1793 präsentierte ich als einfacher Artillerist dem Befehlsheber meinen Plan zur Eroberung von Toulon. Toulon wurde erobert und ich zum »Générale de brigade« ernannt.
Dann im Jahr 1796 reiste ich zwei Tage nach meiner Hochzeit mit Joséphine nach Nizza um dort den Oberbefehl über die Italien-Armee zu übernehmen. Obwohl ich nur ausgeschickt worden war, um die Österreicher von den nördlichen Kriegsschauplätzen abzulenken, besiegte ich sie im sogenannten Italienfeldzug bei Lodi nahe Mailand. In der Schlacht von Arcole bei Verona kämpfte ich demonstrativ an vorderster Front mit und erhöhte damit ganz bewusst die Moral meiner Truppen. Nach der 6-monatigen Belagerung von Mantua im südlichen Tirol zogen wir über die Alpenpässe nach Norden, wo wir einige Tiroler Ortschaften einnahmen, aber von den Tiroler Schützen vertrieben wurden.
Frieden v. Campoformio die Unterschriften
Tirol zu diesen Zeiten
„Wie ging es dann weiter?“
„Wir Franzosen zogen voran in die Steiermark und waren damit knapp vor der Kaiserstadt Wien. Es war verlockend, Wien zu belagern. Ich wusste aber auch, dass ich das mit meinen erschöpften und zahlenmäßig unterlegenen Truppen nicht konnte. Also griff ich nach einer List. Ich täuschte eine französische Übermacht vor und zeigte mich großzügig, nicht über den Semmering nach Wien vorzurücken. Damit trickste ich die Habsburger Heerführer aus. Sie sahen sich gezwungen, mit uns im Mai 1797 den Vorfrieden von Leoben zu schließen.
Nach erfolgreichen Schlachten war ich in der Lage, im Oktober mit dem römisch-deutschen Kaiser Franz II. den Frieden von Campo Formio bei Udine zu schließen.
Damit endete der 1792 von uns Franzosen begonnene Erste Koalitionskrieg. Auch hier bluffte ich. Ich inszenisierte mich theatralisch als unbesiegbar, nahm eine kostbare Vase, schmetterte sie zu Boden und rief: »So werde ich das Habsburger Reich behandeln«.
Daraufhin errichtete ich in Eigenregie die »Cisalpinische Republik« und die »Ligurische Republik« als Tochterstaaten der französischen Republik. Meine eigenmächtige Handlungsweise verstärkte bei den Mitgliedern des herrschenden Direktoriums das Misstrauen. Sie konnten aber kaum etwas gegen den begeisterten Empfang durch die Bevölkerung bei meiner Rückkehr nach Paris unternehmen.“
„Da warst Du sehr erfolgreich! Gratuliere!“
„Und das war erst der Anfang!“
Quellen: Geni, Wikipedia, Wiener Zeitung: Zeitreisen Nr. 400 vom 4. Oktober 2019
Reaktion zu Episode
Eintragen
(mit eigener Mailadresse)
Egon Biechl Privat