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Episode 64

28.11.2025

Nur über Frauen

Judith Wells (Biechl) *1956 – meine Großcousine
Gottfried I. Graf von Namur *1067; †1139 - Judiths 26-facher Urgroßvater
Ida von Sachsen *1046; †1102 - Judiths 27-fache Urgroßmutter
Bernhard II. Herzog von Sachsen (Billunger) *990; †1059 - Judiths 28-facher Großvater
Elika von Schweinfurt *1000; †1059 - Judiths 28-fache Urgroßmutter
Heinrich I. von Schweinfurt Markgraf auf dem bayerischen Nordgau *970; †1017 Judiths 29-facher Urgroßvater
Legende für Farben: Österreicher, Belgier, Deutsche, besondere Merkmale
„Liebe Judith, diesmal kommen wir nur über die weibliche Linie zu unseren gemeinsamen Vorfahren.“
„Also brauchen wir die Frauen doch! Aber woher weißt Du alle diese Details insgesamt?“
„Ich greife auf zeitgenössische Quellen zurück, die damals in der Region verfasst wurden. Dazu gehören die Bischofschronik aus Lüttich »Gesta Episcoporum Leodiensium«, die die Ereignisse in Lothringen und im Reich dokumentiert, sowie das »Chronicon von Sigebert von Gembloux« (†1112). Es sind auch die Annalen »Laubiensis« aus dem Kloster Laube in Lothringen und »Egmundeneses« aus dem Kloster Egmont in Friesland.
Grundsätzlich sind es Urkunden (Schenkungen, Verträge, Rechtsgeschäfte), die Auskunft über das Leben der adeligen Geschlechter geben.“
Grafen von Namur
„Eure Durchlaucht, Graf Gottfried I. von Namur, sagt mir bitte, warum gerade Ihr, der Erstgeborene von Albert III. und Ida von Sachsen, der Namenstradition »Albert« entkamt, obwohl Euer Vater, Großvater und Urgroßvater Albert hießen.“
„Ich bin stolz darauf, nicht traditionell wie meine direkten Vorfahren genannt zu werden. Mit meinem Namen, der sich an wichtigen lothringischen Fürsten orientiert, wollte sich mein Vater in der adeligen Szene profilieren.“
Ein anderer Gottfried, Fürst Gottfried der Bucklige, Herzog von Niederlothringen, nicht verwandt mit Gottfried I. von Namur, wurde am 27. Februar 1076 ermordet. Der Abt und Geschichtsschreiber Lambertus Hersfeldensis (*1028; †1085) verbreitete das Gerücht, dieser Gottfried der Bucklige sei heimtückisch auf einem Aborterker (der Toilette einer Burg) von unten durch die Öffnung erstochen worden.
Nach seinem Tod begannen die Erbstreitigkeiten. Er hatte seinen Neffen Gottfried von Bouillion (den dritten Gottfried im Bunde) testamentarisch zum Nachfolger bestimmt. Als König Heinrich IV. ihm (der später den ersten Kreuzzug anführte) das Herzogtum aberkannte und seinen eigenen Sohn Konrad dafür bestimmte, wehrte sich auch Mathilde von Tuszien (Teil der Toskana), Witwe des »Buckligen« und loyale Anhängerin von Papst Gregor VII., vehement dagegen. Der Erbstreit wurde zum Teil des Investiturstreits, der wie folgt verlief:
  • 1075: Papst Gregor VII. beansprucht die Führung über alle weltlichen Herrscher.
  • 1076: Heinrich IV. setzt den Papst ab. Der exkommuniziert ihn daraufhin.
  • 1077: Die exkommunizierten Fürsten zwingen Heinrich IV., nach Canossa zu pilgern und sich dem Papst zu unterwerfen: ein Triumph für das Papsttum.
„Welche Rolle spieltet Ihr, Graf Albert III. von Namur, in diesem Erbstreit?
„Nach der nominellen Berufung von Konrad zum Herzog von Niederlothringen setzte mich König Heinrich IV. zum Vizeherzog dieses seines zweijährigen Sohnes ein.
Damit hatte ich die Genugtuung, wenn schon nicht Herzog zu sein, so doch zumindest die Rechte eines solchen zu haben. Meinen Erstgeborenen ließ ich vor allem deshalb Gottfried taufen, weil ich wollte, dass er eine angemessene Rolle im Kampf der Gottfrieds um das Herzogtum Niederlothringen hat.“
Münze mit Bildnis von Albert III. von Namur
„Hochgeschätzte Gräfin Ida von Sachsen. Ihr vermähltet Euch mit Albert III. sicher nicht aus Zuneigung oder gar Liebe.“
“Sicher nicht! Jeder weiß, dass Frauen im Hochadel aus politischem und territorialem Kalkül – einem raffinierten Austausch gleich – verheiratet werden. Mir ist bewusst, dass mich mein Albert schon deswegen schätzt, weil ich ihm, dem Grafen des kleinen Namur, zum Prestige verhalf, der hochangesehenen Dynastie der Billunger anzugehören. Aber auch die großen zusätzlichen Besitztümer dürften dabei eine Rolle gespielt haben. Egon, normalerweise läuft das Interesse der Historiker an uns Frauen vorbei. Warum jetzt Dein Interesse?“
„Euer Gatte Albert III. ist der 27-fache Urgroßvater von Judith und Ihr seid der weibliche Counterpart. Aber nur Ihr seid mit mir blutsverwandt, nicht Euer Mann. Ähnlich verhält es sich bei Euren Eltern. Nur Eure Mutter Elika von Schweinfurt und nicht Euer Vater, der Billunger Bernhard II., Herzog von Sachsen, ist mit mir blutsverwandt.“
„Also willst Du unbedingt herausfinden, bei wem sich der Stammbaum von Judith und Dein eigener treffen. Viel Glück!“
„Herr Herzog Bernhard II. von Sachsen, als einer der mächtigsten Männer im Reich zu dieser Zeit: Würdet Ihr mir bitte etwas über Eure Person, Eure herzogliche Stellung und die großen Fehden schildern, die Eure Regierungszeit prägten?“
„Detailgenau kann und will ich das nicht. Aber in groben Zügen: Ich entstamme dem berühmten sächsischen Adelsgeschlecht der Billunger. Im Jahre 1011 trat ich die Stellung als Herzog in Sachsen an. Als solcher besitze ich großen Einfluss in Ost- und Mittelsachsen und verwalte in den Diözesen Bremen und Verden fast alle Grafschaften und Vogteirechte geistlicher Territorien.
In meinem Bestreben, die sächsische Machtstellung zu wahren und zu erweitern, war mein Verhältnis zum Königtum stets angespannt. Als die Opposition gegen Kaiser Heinrich II. eskalierte, führte ich, der Sachse, zuammen mit meinem Schwiegervater Heinrich I. von Schweinfurt im Nordgau, dem 29-fachen Urgroßvater von Judith, den Aufstand gegen König Heinrich II. an. Kaiser Konrad II. anerkannte ich; doch die Beziehungen zu Kaiser Heinrich III. wurden zunehmend katastrophal.
Den Höhepunkt erreichte die Feindschaft, als mein Bruder Thietmar im Jahre 1048 versuchte, den Kaiser zu ermorden. Der Anschlag misslang. Erzbischof Adalbert von Bremen, der Günstling des Kaisers, trieb meinen Bruder in einen gerichtlich angeordneten Zweikampf. Thietmar unterlag und starb an den Wunden. Das wurde als Gottesurteil allgemein anerkannt und für gerecht befunden. Dieser tragische Ausgang führte leider zu einem schmerzlichen Machtverlust meines Hauses.“
Gerichtlicher Zweikampf endet mit einem »Gottesurteil«
„Gnädigste Frau Herzogin Eilika von Schweinfurt, ich trete vor Euch mit einer Bitte! Eure Tochter hat mir soeben kundgetan, dass ich auf Euren Beistand angewiesen bin, um mein Vorhaben zu vollenden: Ich möchte Judith zeigen, dass wir nicht nur über meinen Großvater mit Blutsbanden verbunden sind, sondern auch über einen berühmten mittelalterlichen Fürsten. Bitte, gewährt mir Eure Hilfe!“
„Gerne will ich Euch helfen! Und das vor allem deswegen, weil es mich brennend interessiert, wer meine 28-fache Urenkelin ist und was sie in diesen fernen Zeiten tut, wo sie weilt und wie sie ihr Leben führt.“

Tagelöhner und Gesinde
„Gnädigste Herzogin, darf ich auch etwas über Eure Person erfahren? Bei den vielen, oft spektakulären Aktivitäten Eures Gatten, Herzog Bernhard II., frage ich mich: Bleibt Euch da überhaupt noch genügend Zeit für Muße?“
„Gewiss! Auch uns Herzoginnen sind Pflichten auferlegt – wenn diese auch weniger öffentlich sind als die unserer Männer. Unsere Hauptaufgabe liegt in der Sicherung des Hauses und der Erziehung der Erben. Doch unser Leben ist gleichsam erleichtert durch die vielen dienstbaren Geister, die uns zur Hand gehen. So bleibt uns zwar nicht viel Zeit, aber doch Gelegenheit, unseren persönlichen Interessen nachzugehen.“
„Um auf mein ursprüngliches Anliegen zurückzukommen: Wo glaubt Ihr, dass ich dem eben erwähnten Ziel meiner Ahnenforschung am ehesten näherkomme?“
„Eine kluge Frage. Bedenkt: Bei meiner eigenen Mutter, Gerberga von Schweinfurt, ist die Herkunft historisch unklar – ist sie nun eine Hennebergerin, eine Gleibergerin oder gar aus dem Hause Hamaland-Zutphen? Dies ist ein genealogisches Rätsel, das Dich nur aufhalten würde. Daher rate ich Dir: Du musst über meinen Vater, Markgraf Heinrich I. von Schweinfurt, weiterforschen. Seine Abstammung ist die sicherere Spur!“
„Eure Worte bestätigen meinen Plan. Habt vielen Dank für Euren hilfreichen Rat, Frau Herzogin!“
Quellen: Wikipedia, MyHeritage, Geni
P.S.: Bei Heinrich I von Schweinfurt treffen sich Judiths und mein Stammbaum.
Alle aufgeschlossenen Interessierten bitte ich, mir bis 2.12.2025 eine E-Mail zu schicken, wie die kommenden Episoden laufen sollen (A, B oder C im Betreff genügt):
A) gemeinsame Linie von Heinrich I. *970; †1017 zu Rikbert von Harzgau *795; †822
B) vorher persönliche Linie von Heinrich I. zu mir
C) vorher persönliche Linie von mir zu Heinrich I.
Reaktion:
Reaktion zu Episode 63:
Antal Braunecker: Immer wieder faszinierend, von Deinen Einblicken in sehr, sehr lang vergangene Zeiten zu lesen! Man lernt nie aus – etwa wusste ich nicht, dass eine offizielle Scheidung möglich war, wenn die Ehefrau von ihrem Geliebten (pfui aber auch!) schwanger war. Demgegenüber war es völlig normal, daß ein adeliger Mann von X Konkubinen Y inoffizielle Kinder hatte. Wo blieb da die Gleichberechtigung? Offenbar nur für so außergewöhnliche Frauen wie Hildegard von Bingen denkbar…