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Episode 12

9. 08. 2024

Krieg auf Kreta

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
Hellmut Weißinger
Eleonore Weißinger
geb. Zitzmann
Helmut Weißinger
*1916; †1992
*1919; †2012

*1941;
Ina's Vater
seine Frau

sein Sohn
Der 2. Weltkrieg hat viele Schauplätze. Obwohl der deutsche Feldzug gegen die Sowjetunion bereits seit Ende 1940 für Mai 1941, verdeckt unter "Unternehmen Barbarossa", in Vorbereitung ist, müssen die Deutschen den verbündeten Italienern binnen zirka einer Woche gegen die Jugoslawen und Griechen zu Hilfe eilen. Während die Jugoslawen bereits am 17. April unterliegen, halten sich die Griechen, unterstützt von britischen Truppen, vier Tage länger.
Daraufhin evakuieren die Briten etwa 50.000 Soldaten nach Kreta und Ägypten. Zumindest Kreta will Großbritanniens Premierminister Winston Churchill auf jeden Fall halten. Der deutsche General der Flieger Kurt Student will hingegen beweisen, zu welchen Großtaten seine Fallschirmjäger in der Lage sind. Als also die 7. Fliegerdivision mit 15.000 Fallschirmjägern der deutschen Luftwaffe, unterstützt von einem Luftlande-Sturm-Regiment für die lautlose Landung von Lastenseglern, unter dem Decknamen "Unternehmen Merkur" am 20. Mai 1941 zum ersten großen Luftlandeunternehmen der Kriegsgeschichte startet, trifft sie auf unerwartet hohen Widerstand. Die Briten nämlich können ihre Truppen auf Kreta vollständig reorganisieren. Die entsprechenden Schiffstransporte aus Ägypten werden über Nacht in den kretischen Häfen angelandet. Perfekt getarnt bleiben die zahlreichen neuen Flak-Artilleriestellungen, MG-Nester und eingegrabenen Panzer tagsüber vor den deutschen Aufklärungsflugzeugen verborgen. Auch auf eine "gewaltsame Aufklärung" deutscher Kampfflugzeuge lassen sich die "Creforce"-Truppen aus Briten, Australiern, Neuseeländern und Griechen nicht ein. Sie reagieren bei Angriffen möglichst zurückhaltend und wahren ihre Tarnung. Bis kurz vor Invasionsbeginn gehen die Deutschen lediglich von 12.000 Verteidigern auf ganz Kreta aus. In Wirklichkeit sind es 42.000!
Die gelandeten deutschen Einheiten können zunächst keine Flugplätze für Nachschub und Verstärkungen erobern. Erst durch verstärkten Einsatz der Luftwaffe und nach erfolgreichen Landungen auf umkämpften Flugplätzen stabilisiert sich die Lage für die Angreifer. Nach tagelangen Kämpfen sind aber 6.000 Wehrmachtsoldaten, hauptsächlich Fallschirmjäger, tot, vermisst oder verwundet.
Es überrascht also nicht, dass - auf Kreta bezogen - von einem "Pyrrhussieg" die Rede ist, ähnlich jenem, den der griechische König Pyrrhos I. von Epirus 279. v. Chr. in einen extrem verlustreichen Sieg gegen die Römer errang. Dessen Resümme damals: "Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!"
Quelle: Eroberung von Kreta
"Lieber Schwiegervater, Ina, meine Frau und Deine Tochter, hat mir erzählt, dass Du nicht gerne von Deiner Militärzeit sprichst und dass Du jedes Mal, wenn Du eine Mittags-Sirene oder Ähnliches hörst, zusammenzuckst und Dich duckst. Warum ist das so?"
"Lieber Egon, nach meiner Rekrutenzeit zwischen November 1938 und März 1939 in Niederösterreich wurde ich nach einer 'Dispens' für die Ausbildung zum Eichbeamten im August 1939 zur Luftwaffe bei der Wehrmacht einberufen, erfreulicherweise nicht an die Kampflinie, sondern in die Verwaltung. Anfangs war ich in Norwegen eingesetzt, ab November 1942 jedoch in Kreta. Ich war also nicht beim Gemetzel der ersten Tage im Mai 1941 dabei. Trotzdem musste ich vieles miterleben, was Du Dir als 1942-Geborener gar nicht vorstellen kannst."
"Waren etwa auch Kameraden von Dir bei den Verwundeten, den Gefallenen?"
"Ja, das ist es ja, was mich heute noch aufwühlt."
"Welche Aufgaben hattet Ihr in der Verwaltung?"
"Wir mussten sehr flexibel sein. Es galt, für die Verpflegung, Bekleidung und Besoldung unserer Kameraden zu sorgen. Fronturlaube anlässlich von Krankheiten, Verletzungen, Familienfesten oder gar einer Heirat lagen ebenfalls in unserer Verantwortung. Auch die Begräbnisse mussten wir organisieren. Eine Rückführung der Gefallenen - meist abhängig vom Dienstgrad des Verstorbenen - gab es nämlich nur in den allerseltensten Fällen."
"Wie war Dein Familienleben in dieser Zeit?"
"Nachdem meine Elly und ich im Juni 1938 geheiratet hatten, zogen wir im September 1941 in der Nordrandsiedlung ein. Einen Monat später kam unser Sohn Helmut zur Welt. Im Juni 1945 kam ich nach dem Ende des Krieges aus Kreta zurück und begann wieder meine Berufslaufbahn im Eichamt."
Die englische und französische Übersetzung des von den Aliierten ausgestellten Identitätsausweises sind bei weitem bekannter als die russische und die Bewegungsfreiheit dort ist auch viel lockerer als in der Sowjetzone, wo ein Überschreiten zu anderen Zonen einer Auslandsreise gleichkommt.
Reaktionen:
Ilse: "Die Eltern haben im Juli und nicht im Juni 1938 geheiratet! Und Vati war zu Kriegsende sicher nicht auf Kreta, sondern nach seinen Schilderungen in Norwegen, von wo er sich nach Österreich zurückgeschlagen hat."
Ursula: "Mein Vater, Jahrgang 1907, war während des gesamten Krieges eingezogen. Aus diesen Jahren kenne ich ihn nur durch die kurzen Urlaube. Einen der letzten, wohl aus 1943/44 wollte er zu seiner Einheit zurückkehren. Als er ankam, wurden seine letzten Kameraden gerade auf den Laster aufgeladen, der an die Ostfront gehen sollte und von denen kaum jemand zurückkehrte. Er selbst wurde auf den nächsten Laster verladen und der ging nach Italien, wohl in die Gegend um Pisa. Während meine Mutter ihn an der Ostfront wähnte, wurde er als für die Verpflegung verantwortlich, in eine Privathaus einquartiert bei einem Hauswirt, der Juwelier oder Goldschmied war und mit dem er sich gut verstand. Als die Invasion der Amerikaner erwartet wurde und er nicht wußte, ob er das Kriegsende überleben würde, gab er einen "Abschiedsring" für meine Mutter in Auftrag. Sein Wirt hatte kaum noch Material und fertigte daher aus dem Restbestand für ihn einen Silberring an mit einem synthetischen Rubin in der Mitte, umgeben von einigen kleineren Türkisen, sehr hübsch, aber in dieser Materialzusammenstellung völlig unüblich.
Diesen Ring gab mein Vater einem Kameraden mit, der sich nachhause absetzen wollte, um ihn meiner Mutter als womöglich Letzten Gruß von meinem Vater zu überbringen. Er wußte nicht, ob sie ihn in Italien vermutete oder an der Ostfront, da er keine Möglichkeit hatte, sich bei ihr zu melden. Der Ring kam tatsächlich bei meiner Mutter in Deutschland an!
Inzwischen wurde auch Italien von den Amerikanern eingenommen, mein Vater kam dort in Gefangenschaft und wurde sehr schnell entlassen. Anfang Oktober 1945 meldete er sich überraschend vom Bahnhof unseres Wohnortes, während meine Mutter nicht wußte, wo er war und ob er noch lebte. Der Ring, den er ihr damals schicken ließ, wurde noch viele Jahre von ihr getragen und befindet sich heute in meinem Besitz. Er ist vermutlich abgetragen und von der seltsamen Zusammenstellung der Materialien wohl nicht viel wert. Aber ich schätze ihn aufgrund der Entstehungsgeschichte."
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Egon Biechl Privat