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Episode 27

22. 11. 2024

Verwandt und doch verfeindet

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
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Ernestine Biechl (Berger) *1905; †1969 - meine Mutter
Ulrich I von Neuhaus *1222; †1282 - mein 20-facher Urgroßvater
Klemens Wenzel Lothar, Fürst von Metternich-Winneburg zu Beilstein *1773; †1859 - Staatskanzler von Österreich: 16-facher Urgroßenkel von Ulrich I

Freiherr Josef von Hormayr zu Hortenburg *1781; †1848 -
Tiroler Freiheitskämpfer: 17-facher Urgroßenkel von Ulrich I
Legende für Farben: Österreicher - Deutsche
Mit dem Herrn Freiherrn von und zu verbindet mich der gemeinsame Geburtsort: Innsbruck. Von ihm trennen mich 160 Jahre und die Tatsache, dass ich kein Wunderkind bin, wohingegen er mit 15 Jahren das juristische Studium abschloss.
„Salve, mein berühmt-berüchtigter Freiherr Joseph von Hormayr zu Hortenburg. Was ich an Dir bewundere, ist Deine schnelle Auffassungsgabe. Die liegt wohl in der Familie.“
„Du hast sicher recht. Mein Großvater Joseph Ignaz, geboren 1705 in Innsbruck und mit 5 Jahren bereits Vollwaise, bereiste mit seinem Gönner, dem Freiherrn von Bartenstein, die habsburgischen Lande. Bereits 1724 stand er mit 19 Jahren als Rechtsgelehrter im k.k. öffentlichen Dienst in Innsbruck. Noch im selben Jahr präsentierte er am »immerwährenden Reichstag« in Regensburg einen Appell gegen Folter und Hexenglauben. Er stand in der Gunst der Kaiserin Maria Theresia, die ihn, den Regierungsrat, 1759 zum Geheimrat und zum Kanzler der Gefürsteten Grafschaft Tirol ernannte.
„Und Du, lieber Joseph?“
„Schon während meiner Studienzeit schrieb ich historische Abhandlungen. Danach trat ich als »Konzeptspraktikant« 1797 beim Stadt- und Landgericht Innsbruck ein. 1801 war ich Hauprmann bei der Landwehr.“
Johannes von Müller *1752; †1809
„Warum gingst Du nach Wien?“
„Ich lernte den Schweizer Theologen, Historiker, Publizisten, Politiker, Diplomaten und Bibliothekar Johannes von Müller kennen. Der war Sohn eines Schaffhauser Pfarrers und hatte viele prominente Vertraute, von Voltaire bis Goethe und Kontakte mit Friedrich dem Großen und Erzherzog Johann.
1801 riet er mir, nach Wien zu gehen, wo er mir den Posten als »Hofconcipist« im Außenministerium vermittelte. Homosexuell veranlagt war er ein Opfer der »Hartenbergaffäre«, als er von seinem Partner, namens Hartenberg, erpresst wurde. Auch dadurch wurde er international bekannt.
Kontakt hatte er sogar mit Napoleon, was ich, wie Viele, als Verrat ansah.“
„Wie ging's weiter auf Deiner Karriereleiter?“
„1805 übergab mir Kaiser Franz die inhaltliche Leitung der »Österreichisch-kaiserlichen privilegierten Wiener-Zeitung«, die ich bis zum Einmarsch der Franzosen bekleidete.
1808 ernannte man mich zum »wirklichen Director des geheimen Staats-, Hof- und Hausarchivs«.“
„Auch mit dem Tiroler Freiheitskampf wirst Du in Verbindung gebracht.“
„Ich war Anreger und Führer des Alpenbundes, dem auch mein Gönner Erzherzog Johann angehörte und dessen Ziel ein Widerstandszentrum gegen Napoleon und die missliebige bayerische Herrschaft war. Ich bereitete 1809 den Tiroler Aufstand vor, dessen Leitung ich als Hofkommissär neben Andreas Hofer übernahm. Der Freiheits-kämpfer Joseph von Giovanelli aus der Familie meiner Großmutter, nahm mich in seinem Haus in Bozen auf. Meiner aufständischen Haltung blieb ich auch nach unserer Niederlage treu.“
Freiherr von Hormayr *1781; †1848
Kaiser Franz I *1768; †1835
1812 plant Hormayr wiederum mit der Unterstützung von Erzherzog Johann einen neuen Volksaufstand der Tiroler. Dieses Vorhaben wird ohne Wissen des Kaisers organisiert. Aber der Alpenbund wird verraten und der Erzherzog wird als Möchtegern-König eines »Reiches Rätien« dargestellt.
Hier tritt der Konflikt in der Habsburg-Familie offen zutage. Dem Erzherzog wird vom Kaiser verboten, Tirol zu betreten, und Hormayr bekommt die Macht des Staatskanzlers Metternich zu spüren, der ihn für 13 Monate in einer damals ungarischen, heute ukrainischen Festung einkerkern lässt. So wird der ehemalige Tiroler Patriot Hormayr tatsächlich zum Feind der Habsburger.

„Lieber Klemens Metternich, als Staatskanzler Österreichs erwartest Du Dir sicher mehr Ehrfurcht von mir. Die verdienst Du Dir sehr wohl, aber Deine vielen Affären mit hoch-rangigen Ehefrauen nötigen mir ein 'Augenzwinkern' ab.
„1806 war ich Botschafter in Paris. Ja, dort wurde ich bezeichnenderweise »le beau Clement« genannt.
Nach dem Frieden von Schönbrunn zwischen Napoleon Bonaparte und Kaiser Franz I 1809 war klar, dass ich Favorit für die Stellung als öster-reichischer Staatskanzler war. Ich übernahm das Außenministerium und wurde so zum einflussreichsten Politiker im Europa meiner Zeit.“
Fürst Klemens Metternich *1773; †1859
„Bei der Ahnenforschung habe ich herausgefunden, dass Du ein entfernter Verwandter von Joseph von Hormayr bist, warum also diese rigorose Maßnahme eines konsequenten Arrests über mehr als ein Jahr?“
„Im Einvernehmen mit dem Kaiser war ich für eine verlässliche Normalisierung der Beziehungen zwischen ihm und Napoleon und konnte keine solchen hinterlistigen Eskapaden, wie die von Hormayr geplante, dulden. Durch meine Intervention konnte ich viel Schlimmeres verhindern. Die Zusammenarbeit mit den Bayern, die sich sogar in Tirol selber trotz einiger Geplänkel positiv entwickelte, wäre fast unmöglich geworden.“
„Und Du, lieber Joseph, wie war Deine Situation, als Du freigelassen wurdest?“
„Ich wurde nur teilweise rehabilitiert und bekam statt meiner bisherigen, einflussreichen Position von Kaiser Franz den Titel als »Historiograph« des Reiches.
Diese Herabsetzung und die sich verschärfende Feindschaft zwischen Metternich und mir veranlassten mich, die Haltung als Kaisertreuer definitiv abzulegen und auf Distanz zum Österreich der Habsburger zu gehen. 1828 schließlich folgte ich dem Ruf des bayrischen Königs Ludwig I und zog nach München.“
Das Werk von Joseph von Hormayr besteht in 170 Bänden. Einer davon, »Wien's Geschichte und Denkwürdigkeiten« (1823-1825) verspricht anfangs einen Überblick über: »die vier obersten Hofämter und die acht Hofdienste, die Garden, die sämmtlichen Ritterorden, über dritthalbhundert wirkliche geheime Räthe und über siebzehnhundert wirkliche Kämmerer, dan der äußere Hofstaat, bey zwanzig k.k. Truchseße und sechs wirkliche, vier unbesoldete und fünf supplierende Edelknaben«.
Gestorben ist er 1848 in München.
„Lieber Klemens, namens Metternich, was hast Du in Deiner hervorragenden Stellung bewirken können?“
„In erster Linie war das der Wiener Kongress vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815, der Europa nach der Niederlage Napoleon Bonapartes in den Koalitionskriegen neu ordnete, indem er zahlreiche Grenzen neu festlegte und neue Staaten schuf.
Unter meiner Leitung berieten politisch bevollmächtigte Vertreter aus rund 200 europäischen Staaten, Herrschaften, Körperschaften und Städten, darunter alle bedeutenden Mächte Europas mit Ausnahme des Osmanischen Reiches. Die führende Rolle spielten Russland, das Vereinigte Königreich von England, Österreich und Preußen sowie das wiederhergestellte Königreich Frankreich und der Kirchenstaat.“
Delegierte des Wiener Kongresses in einem zeitgenössischen Kupferstich von Jean Godefroy nach dem Gemälde von Jean-Baptiste Isabey
Metternich ist der mit der gut sichtbaren weißen Hose
Klemens Metternich
Metternich war dreimal verheiratet und hatte 13 eheliche Kinder; er hatte viele Affären und einige uneheliche Nachkommen. Am 13. März 1848, an dem die Märzrevolution ausbricht, wurde er zum Rücktritt und zum Verlassen des Landes gezwungen. 1851 kehrte er aus London wieder nach Wien zurück, schrieb seine Memoiren, durchsetzt von vielen faktenwidrigen Behauptungen und falschen Daten und Zahlen. Er starb 1859 und ist in Böhmen begraben.
Quellen: Wikipedia + Zeitreisen 315 der Wiener Zeitung vom 7. September 2012
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