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Episode 75

1.5.2026

Holz in Handwerk und Kunst:

vom Mittelalter bis eben erst

Sollten Sie Wünsche zu Themen für die kommenden Episoden haben, schicken Sie mir bitte einfach eine E-Mail – ich freue mich über jede Anregung.
Die Anzahl meiner Ahnen mit bekannten Handwerksberufen ist nicht nur in Sparten, sondern auch in Zeitspannen und Gebieten umfangreicher als von mir angenommen. So bleibe ich diesmal ausschließlich bei der Holzverarbeitung hängen.
Gottfried J. Berger *1871; †1921 - Tischler aus Mähren in Innsbruck - mein Großvater
Gottfried Berger *1894; †1967 - Tischler in Innsbruck - mein Onkel
Heinrich Biechl *1916; †1977 - Tischler in Innsbruck - mein Adoptivbruder
„Lieber Großvater aus Mähren, m 1900, noch vor der Geburt meiner Mutter, seid Ihr in Innsbruck gelandet, wo Ihr jetzt tischlert.“
„Ja, ich bin tatsächlich im mährischen Klečůvka geboren. Mein Vater war dort Müllermeister. Weil aber in diesem Ort bei der Volkszählung um 1900 nur 184 Personen in 33 Häusern lebten, gab es für einen zweiten Müller kein Auskommen. Ich erlernte daher das Handwerk eines Tischlers. Doch wer von den wenigen Leuten daheim brauchte schon neue Möbel?
Als ich Deine Großmutter Maria heiratete, versuchte ich es zuerst in ihrem ungarischen Heimatort Vasdobra, dem heutigen Neuhaus am Klausenbach im Burgenland. Aber auch hier konnten wir nicht davon leben. So zog es uns, dem Trend der Zeit folgend, in den Westen nach Tirol – ins aufstrebende Innsbruck.“
Gottfried J. Berger
Vater meiner Mutter
Tischler und Schulwart
„Hast Du Dich in Innsbruck gleich wohl gefühlt?“
„Wohlgefühl war ein Luxus, den wir uns kaum leisten konnten. Nach unserem Aufbruch aus den armen Verhältnissen im Osten der Monarchie begannen wir hier mit fast nichts. Mein Beruf als Tischler allein ernährte uns nicht, also nahm ich die Stelle als Schulwart am k.k. Akademischen Gymnasium an. Unsere Wohnung war bescheiden, ja fast schäbig, aber wir arbeiteten für die Zukunft. Meinem Erstgeborenen, Deinem Onkel Gottfried, gelang es später, eine eigene, florierende Tischlerei aufzubauen. Er konnte die Früchte unserer Entbehrungen ernten.“
„Und ich bin – ohne zu ahnen, dass Du dort Dienst getan hast – an genau dieser Schule später Schulsprecher geworden.“
„Nun zu Dir, Onkel Gottfried: Wir wohnen zwar an unterschiedlichen Orten in Tirol, aber wann immer wir uns treffen, kümmerst Du Dich sorgfältig um mich, Deinen Neffen. Du gehst mit mir Schwammerl suchen und zum Fußballplatz nimmst Du mich auch mit. Was kannst Du mir über Deinen Beruf erzählen?“
„Als Tischlermeister mit eigener Werkstatt bin ich in ganz Innsbruck angesehen. Ich lege Wert darauf, technisch auf der Höhe der Zeit zu sein. Ich bearbeite massive Fichte, Zirbe und Buche und verwende dabei noch Knochenleim und Schellack für die Oberflächen. Die synthetischen Weißleime und die giftigen Nitrolacke zum Spritzen werden ja gerade erst modern.
In meiner Werkstatt stehen schwere, gusseiserne Maschinen; noch treiben Transmissionsriemen über eine zentrale Welle alles an. Aber ich habe investiert und mir eine moderne kombinierte Abricht- und Dickenhobelmaschine angeschafft. Ich bin eben ein Handwerker vom alten Schlag, der aber mit dem Fortschritt geht.“
Mutter Erna, Tanten Grete und Frieda und Tischlermeister Onkel Gottfried
Tischlermeister Adoptivbruder Heini, Vater Alois, Heinis Gattin Pepi
„Lieber Heini, mein Vater hat Dich als Sohn seiner ersten Frau adoptiert. Du bist aber weder so wie er zur Bahn gegangen – zu den ÖStB, den Österreichischen Staatseisenbahnen, wie sie in der kurzen Zeit nach dem Krieg hießen – noch bist Du Uhrmacher geworden. Hast Du Dich von Onkel Gottfried inspirieren lassen, Tischler zu werden?“
Heinis Gesellenstück
„Nein, ganz sicher nicht! Ich habe mich unabhängig von ihm zum Tischlermeister emporgearbeitet. Die Biechls und die Bergers waren nicht so gut aufeinander zu sprechen, als dass das hätte passieren können. Ich bin eine Generation moderner als er, aber Tischler sind wir schließlich beide.
Was mich von ihm unterscheidet, ist nicht nur das Alter, sondern auch die Tatsache, dass ich mir auf dem Weg zum Perfektionisten einen Daumen abgesägt habe. Mein Gesellenstück, die Schatulle, die ich unserer Mutter geschenkt habe – so etwas könnte ich heute allerdings nicht mehr fertigen.“
„Hier überbrückt die Ahnenforschung das Handwerk der Holzbearbeitung: Wir sehen eine Tradition, die nicht nur zufällig existiert, sondern deren Regeln, Techniken und Stolz seit dem Mittelalter überliefert wurden. Schauen wir also noch weiter zurück zu den Ursprüngen. Denn was die beiden Gottfrieds und Heini in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts leisteten, fußt auf einer Ordnung, die aus den mittelalterlichen Zünften stammt – jener Welt, in der das Holz nicht nur Werkstoff, sondern Lebensgrundlage unserer Vorfahren war.“
Anton Wöber *1730; † ? - Tischler, Absam - mein 4-facher Urgroßvater
Martin Wöber *1751; †1828 - Tischler, Absam - mein 3-facher Urgroßvater
Jakob Stainer *1617; †1683 - Geigenbauer, Absam
Johann Ginner vulgo Biechl *1577; †1662 - mein 8-facher Urgroßvater
Johann Ginner, der Ältere *1756; †1833 - Krippenschnitzer, Thaur - sein UrUrenkel
Johannes Piechl *1747; †1788 - Zimmermann in Absam - mein 3-facher Urgroßvater
„Ihr, mein 4-facher Urgroßvater Anton Weber, seid vor zirka 300 Jahren auf die Welt gekommen. Von Euch weiß ich, dass Ihr kein Bauer seid, sondern Tischler in Absam bei Hall in Tirol. Ihr habt also keinen oder nur sehr wenig Grundbesitz. Wie lebt es sich so?“
„Glaubt nur nicht, dass ich deswegen arm wäre – im Gegenteil! Die Hälfte der Tiroler sind Bauern mit Grundbesitz, aber ein Viertel von uns sind Handwerker und Taglöhner. Wir sind Häusler; wir haben ein Dach über dem Kopf und meist auch eine Kuh im Stall. Hier in Absam leben wir Tischler, angesiedelt zwischen den Knappen vom Salzberg und den Salzwirkern der Haller Saline, um 1750 gut.
Der Bergbau braucht das Bauholz, aber die Leut' brauchen Truhen, Betten und Fensterrahmen. Weil ich mein Handwerk verstehe, habe ich immer genug Arbeit und ein gutes Einkommen. Wir Zimmerer und Tischler sind in einer wachsenden Gemeinde wie Absam unentbehrlich.“
„Kennt Ihr Jakob Stainer, den Geigenbauer?“
„Persönlich habe ich ihn nicht mehr gekannt, er ist schon lange vor meiner Zeit verstorben. Aber in unserer Zunft vergisst man ihn nicht; er hat ja selbst als Tischler angefangen, bevor er auf Wanderschaft ging. Man sagt, er wäre bis nach Cremona zu den Amatis, den italienischen Geigenbauern gekommen.
Hier in Absam hat er dann aus der Halltaler Haselfichte von 1638 bis 1683 seine Geigen gebaut (Abbildung: Geige aus 1658). Die gingen bis an den Kaiserhof nach Wien und nach Spanien. Bei uns herrscht der deutsche Geschmack, und da gilt eine Stainer-Geige oft mehr als eine italienische. Sie klingen lieblicher, sagen die Leute. Für uns im Dorf ist er der Beweis, was man aus unserem Holz herausholen kann, wenn man sein Handwerk versteht. Und Jakob Stainer verstand es.“
„Antonio Stradivari, der berühmteste aller Geigenbauer, schuf zwischen 1679 und seinem Tod 1737 seine unübertroffenen Musikinstrumente, die heute Millionenbeträge wert sind. Ab Beginn des 18. Jahrhunderts wählte Stradivari für seine Instrumente überwiegend Fichtenholz aus dem Fleimstal. Dieses war während des Maunder-Minimums (Kleine Eiszeit) besonders langsam gewachsen, was zu dünnen, regelmäßigen Jahresringen führte und die Resonanzeigenschaften verbesserte.
Jakob Stainer, der vielen Musikern als der perfektere Konstrukteur erschien, erreichte zwar nicht die kraftvolle Brillanz der späten Stradivaris, doch mit den Amatis konnte er problemlos konkurrieren. Lange Zeit galt sein Tiroler Modell dem italienischen sogar als ebenbürtig oder überlegen. Stradivari baute „moderner“ (flacher/lauter), Stainer „traditioneller“ (höher gewölbt/süßer).“
links + oben:
Verbindung zu Johann Ginner, dem Älteren. dem weltweit berühmtesten Krippenbauer aus Thaur
unten: Die Wöbers, Absamer Tischler, meine Urgroßväter
„Ihr, Martin Weber, Antons Sohn, seid genauso wie Johannes Biechl einer meiner dreifachen Urgroßväter. Beide seid Ihr – wie ich weiß – Meister des Holzes, Ihr in der feinen Zunft der Tischler, er bei den Zimmerern, der robusteren Zunft fürs Grobe und Ganze. Hat Stainer, der große Geigenbauer, eigentlich Nachfolger für seine Kunst gefunden?“
„Nein, der Geigenbau in dieser Vollendung ist mit Stainer aus Absam verschwunden. Aber glaubt nicht, dass wir nur noch Türschwellen und Dachbalken behauen wie Hans, der Zimmermann, oder Tische, Truhen oder Täfelungen schaffen wie ich, der Tischler.
Es gibt Aufgaben, bei denen das Herz mitschwingt.
Drüben in Thaur führt Johann Giner der Ältere seine Bildhauerwerkstatt. Die Giners schnitzen Figuren von solcher Pracht, dass man meint, sie atmen. Aber eine Krippe braucht mehr als nur Figuren: Sie braucht die Landschaft, die Felsen, die Täler – den Krippenberg. Das Schnitzen der Figuren überlassen wir den Künstlern, aber das Bauen der Berge, die Konstruktion dieser kleinen Welten, das machen wir. Und ich sage Euch: Wir machen es gerne, wir machen es gut und wir sind weit über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt dafür.“
„Der Ruhm der Giners kommt also nicht von ungefähr?“
„O nein, das ist harte Arbeit und großes Können. Johann hat schon 1780 seine Werkstatt gegründet. Bevor er die Welt in die Krippen bannte, schufen er und seine Brüder heilige Figuren für die großen Kirchen – Apostel für Thaur, Engel für die Hofkirche in Innsbruck, sogar bis nach Salzburg lieferten sie.
Aber wisst Ihr, was seinen Erfolg ausmacht? Johann schnitzt die Leut' nicht wie ferne Heilige, sondern so, wie wir hier wirklich leben und arbeiten. Wenn ich seine Figuren betrachte – manche sind fast zwei Spannen, also an die 40 Zentimeter groß –, dann sehe ich uns: die Handwerker und Bauern aus Absam und Thaur. Und weil seine Figuren so lebendig sind, müssen auch unsere Krippenberge statisch und perspektivisch meisterhaft ausgeführt sein. Wir bauen ihm die Landschaft als architektonisches Gerüst – eine Konstruktion aus massiven Stollen und feinen Ebenen –, damit seine Figuren in einem stimmigen Raum ihren Platz finden.“
Reaktion zu Episode 74:
Antal Braunecker: Also hat Karl der Große quasi eine frühe EU gegründet (Ok, zentrale Gesetzgebung wird es wohl nicht gegeben haben). Möge der heutigen das Schicksal der sofortigen Wieder-Zerdröselung erspart bleiben !
Interessant die Generationenverschiebung in Deinen beiden Ahnenlinien um in etwa drei Generationen – Dein 38-facher Urgroßvater Rikbert in der einen Linie war um 38 Jahre jünger als Dein 36-facher Urgroßvater Karl aus der anderen !
Egon: Das mit den verschobenen Generationen ist auf fehlende Absprache zwischen den Betroffenen zurückzuführen. 🤣 🤣 🤣
Für Interessierte: OE1 - Radiokolleg - In Würde Altern 1-4
mit Beteiligung von Ina und Egon Biechl in den Teilen 2, 3 und 4