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Episode 78

19.6.2026

Die Uhrigen von damals und heute

Haben Sie den Wunsch, mehr über bestimmte Persönlichkeiten oder Themen aus der Zeit unserer Vorfahren zu erfahren? Schicken Sie mir einfach eine E-Mail – ich freue mich über jede Anregung! Ein schönes Beispiel ist die Frage von Antal Braunecker: „Hättest du Uhrmacher in deiner Ahnengalerie? Vom 17. bis 19. Jahrhundert wäre auch mal was.“
E–Mail: egon.biechl@drei.at
Entschuldigen Sie bitte die Verspätung. Mich, den 84-Jährigen, trifft oft Unvorhersehbares.
Lieber Antal, ich habe tatsächlich einen Uhrmacher in meiner Familie – es ist mein Vater! Unter meinen direkten Vorfahren habe ich sonst allerdings keinen gefunden.
Aber bei meiner weiteren Recherche bin ich auf faszinierende blutsverwandte Uhrmacher aus früheren Jahrhunderten gestoßen. Da ist alles dabei: von Meistern, die damals hochkomplizierte Prunkuhren für den Adel bauten bis hin zu einem Verwandten, der mitten im dramatischen Umbruch der Industrialisierung steckte.
Alois Biechl *1899; 1979 - Uhrmacher-Praktikant in Tirol - mein Vater
„Lieber Papa, Du warst doch zuerst Reichsbahn-Torwart. Warum bist Du in Deinem späteren Leben Uhrmacher geworden?“
„Ich verlor beim Waggon–Verschieben einen Fuß. Da ich danach während des Krieges notgedrungenermaßen Hakenkreuze stanzen musste, entschloss ich mich, in Karlstein den Beruf des Uhrmachers zu erlernen.“
Alois Biechl ab 1945
Um 1730 entstand im nördlichen Waldviertel aus der Not heraus die riesige Hausindustrie des »Horologenlandes«. Ganze Familien bauten im Winter in Heimarbeit Uhren, die von »Uhrmännern« auf Kraxen in der gesamten Habsburgermonarchie verkauft wurden – jährlich bis zu 140.000 Stück.
Als billige Fabriksware aus dem Schwarzwald und den USA die Heimarbeit bedrohte, gründete Karlstein 1873 die erste staatliche Fachschule für Uhrenindustrie. Diese erlangte Weltruf und rettete das regionale Know-how. Im 20. Jahrhundert wurde diese Tradition zum Fundament der heutigen Hightech-Industrie: Aus alten Uhrenfabriken entstanden moderne Präzisions- und Automobilzulieferbetriebe. Bis heute ist die HTL Karlstein die einzige Uhrmacherschule Österreichs.
Weder mein Vater noch eine von mir verwendete Genealogieplattform können mir etwas über Uhrmacher unter meinen direkten Vorfahren erzählen. Als ich aber nach berühmten Uhrmachern suche, werde ich in den Seitenlinien fündig – sie sind zwar mit mir blutsverwandt, gehören aber nicht zu meinen direkten Ahnen. Es beginnt mit:
John Harrison *1693; †1776 – Uhrmacher in London18-facher Urenkel meines 25-fachen Urgroßvaters, des Heiligen Leopold III. *1073; †1136 – Markgraf von Österreich
(genealogisch: Cousin 17. Grades, 7-fach verschoben)
„Dear John Harrison, »Copley-Medallist« oder – wie man Euch heute nennen würde – Nobelpreisträger! Ihr hattet 1713, im Alter von gerade einmal 20 Jahren, eine Pendeluhr konstruiert, die heute noch ausgestellt wird. Wie kam es dazu?“
„Mein Interesse wurde beim Basteln an Standuhren in der Schreinerei meines Vaters geweckt. Durch autodidaktische Übung eignete ich mir die Fähigkeit an, diese und andere weltberühmte Uhren zu schaffen. Als das britische Parlament 1714 ein Preisgeld von 20.000 Pfund (heute etwa 2,9 Millionen Pfund) für die Entwicklung einer hochpräzisen, schiffstauglichen Uhr ausschrieb, klemmte ich mich dahinter. Nach meinen bahnbrechenden Pendeluhren um 1726 präsentierte ich 1735 meinen ersten echten »Marine-Chronometer H1« – und konnte das Längengradproblem schließlich als Einziger lösen.“
„Aber offensichtlich erhieltet Ihr erst vor Kurzem und nur unvollständig die ausgesetzte Prämie. Wurde Eure Begeisterung dadurch gedämpft?“
„Nein, denn meine Uhren brachten mich nicht nur vom provinziellen Yorkshire nach London, sondern schmückten mich – was hundertmal wichtiger ist – mit dem einzig-artigen Titel eines »Copley-Medallists«. Mir persönlich verhalf es darüber hinaus zur Genugtuung, sowohl die »Grasshopper-Hemmung« als auch das »Rostpendel« erfunden zu haben.“
«Marine-Chronometer H4» von 1759, Royal Museums Greenwich
Skizze einer »Grass-hopper-Hemmung«
Portrait von John Harrison, gemalt von Zjomas King 1767 in der Science and Society Picture Library, London
Philipp Matthäus Hahn *1739; †1790 - Uhrmacher in Albstadt und Stuttgart - 14-facher Urenkel meines 20-fachen Urgroßvaters Ulrich II. z Hradce *≈1240; †≈1312
4. Herr der Burg Neuhaus/ Hradec an der Grenze zwischen Böhmen und Mähren
(genealogisch: Cousin 13. Grades, 6-fach verschoben)
„Meister Hahn, Ihr seid der Nächste in meiner Familie, der sich in der Chronometrie hervortat. Woher kam dieses Interesse?“
„Mein Vater unterrichtete mich in den alten Sprachen, doch mein Herz schlug für die Naturwissenschaft. Schon mit zwölf Jahren faszinierte mich die Astronomie, und in der Nürtinger Klosterschule begann ich als Autodidakt, meine ersten Sonnenuhren zu berechnen.“
„Was passierte nach dem frühen Tod Eurer Mutter 1752 und der Strafversetzung Eures Vaters wegen Trunksucht auf die Ulmer Alb? Wie verschlug es Euch nach Onstmettingen?“
„Diese krankhafte Abhängigkeit meines Vaters zwang mich, früh auf eigenen Beinen zu stehen. Nach dem Theologiestudium trat ich 1770 meine Pfarrstelle in Onstmettingen an. Dort traf ich den genialen Schulmeister Philipp Gottfried Schaudt. Ohne ihn als Assistenten hätte ich wohl kaum jene Werkstatt begründet, die mir Weltruhm einbrachte.“
„Erst Eure Weiterentwicklung der Neigungswaage funktionierte so tadellos, dass sie zum Vorläufer der Haushaltswaagen meiner Jugend wurde.“
„Das bestätigt meinen Grundsatz, Jahrhundertideen mit Präzision umzusetzen. Die Hebelwirkung zeigt das Gewicht auf einer mathematischen Skala sofort genau an – ganz ohne lästige Gegengewichte.“
Philipp Matthäus Hahn
Hahn's Neigungswaagen
Kurbelrechner 1980
„An Euch erinnert hat mich auch der mechanische Kurbelrechner, den ich noch 1980 als Exportsachbearbeiter bei der Neusiedler AG verwendete.“
„Es erfüllt mich mit Stolz, dass meine Mechanik Euer digitales Zeitalter erreichte! 1774 stellte ich den Prototyp dieser runden Vier-Spezies-Rechenmaschine fertig. Wo Leibniz zuvor an der Umsetzung scheiterte, gelang mir mit der Rechentrommel die erste zuverlässige Kleinserie.“
Weltmaschinen Foto und Schema
„Am faszinierendsten sind Eure »Weltmaschinen«, die Ihr ohne Computer, nur mit Federkraft und Pendel, geschaffen habt.“
„Sie bilden die Planetenbahnen und Finsternisse in Echtzeit ab. Doch ich baute sie nicht aus reinem Forscherdrang. Die Getriebe aus hunderten Zahnrädern sollten Gottes perfekte Schöpfung beweisen. Die Ludwigsburger Weltmaschine besitzt sogar einen Zeitzähler für die Zukunft: Er beruht auf meiner pietistischen Berechnung, dass die Weltdauer genau 7.777 Jahre beträgt.“
Aaron Lufkin Dennison *1812 in Maine, USA: †1895 in Birmingham, England
»Vater der amerikanischen Uhrmacherei« in Boston, USA
21-facher Urenkel meines 25-f. Urgroßvaters, des Heiligen Leopold II. *≈1073; †1136
Markgraf von Österreich (genealogisch: Cousin 20. Grades, 4-fach verschoben)
„Dear Aaron Dennison, Euer Vater Andrew war – welch ungewohnte Kombination – Schuhmacher und Musiklehrer. Wie kamt Ihr zum Beruf eines Uhrmachers?“
„Bei uns in Brunswick gab es James Cary, einen Uhrmacher, Silberschmied und Büchsenmacher, bei dem ich eine dreijährige Ausbildung zum Uhrmacher absolvierte. Danach, wir schrieben das Jahr 1833, zog ich nach Boston. Dort entdeckte ich gravierende Ungenauigkeiten selbst bei den besten handgemachten Uhren. Da erinnerte ich mich an das Büchsenmacher-Handwerk meines Lehrmeisters.“
„Der Vergleich zwischen Schusswaffen und Uhren klingt weit hergeholt. Da fehlt doch Einiges dazwischen!“
„Das mag im ersten Moment so scheinen. Doch der Schlüssel lag im staatlichen Waffenarsenal von Springfield, das ich besuchte. Dort sah ich zum ersten Mal Maschinen, die Gewehrteile mit einer solchen Präzision herstellten, dass man sie blind untereinander austauschen konnte.
Genau da traf mich der Geistesblitz: Wenn man ein Gewehr maschinell und in Serie bauen kann, warum dann nicht auch eine Taschenuhr? Um das Jahr 1845 herum reifte mein Plan für ein austauschbares System – heute weltbekannt als das »American System of Watch Manufacturing«.
Als ich mich dann 1849 mit Edward Howard zusammentat, setzten wir es in die Tat um: Wir bauten Maschinen, die Zahnräder und Platinen so exakt fertigten, wie es kein menschlicher Uhrmacher je gekonnt hätte. Um diese völlig neuen, standardisierten Bauteile und Uhrenfedern im Werkstattbetrieb haargenau zu kontrollieren, erfand ich schließlich das »Dennison Combined Gauge«.“
Dieses Gerät ist eine kombinierte Präzisions-Messlehre für standardisierte Bauteile. Es erlaubt sowohl die Messung der exakten Dicke von Metallplatten als auch der winzigen Maße und Stärken von Uhrenfedern und Zahnrädern – und das auf den Bruchteil eines Millimeters genau. Diese Erfindung führte zur Geburtsstunde der industriellen Uhrenfertigung.
li: Aaron Lufkin Dennison
re: sein »Dennison Combined Gauge«
die Fabrik in Massachusetts + eine Uhr
„Das hat Euch also den Titel »Vater der amerikanischen Uhrmacherei« eingetragen. Wie ging es dann weiter?“
„1854 bauten wir in Massachusetts eine neue Fabrik am Charles River, aus der die weltbekannte »Waltham Watch Company« hervorging. Die Wirtschaftskrise 1857 trieb mich, den mäßig begabten Geschäftsmann, jedoch in den Ruin. Als genialen Erfinder behielt man mich zwar als technischen Leiter, aber es kam zu unüberbrückbaren Differenzen.
Das veranlasste mich, 1863 in die Schweiz zu übersiedeln. Dort zeigte man mir und meinen Maschinen die kalte Schulter, sodass ich noch im selben Jahr nach London und später nach Birmingham weiterzog, wo man meine Ideen zur industriellen Fertigung endlich schätzte und nutzte.“
Reaktion zu Episode 77:
Antal Braunegger: Wieder einmal höchst informativ – und lustig, daß Du in der Reihe Deiner und Ina’s Vorfahren so viele Schneider gefunden hast.
Naturgemäß für mich am interessantesten der wirtschafts- und sozialgeschichtliche Aspekt. In diesem Fall sehe ich eine erstaunliche Parallele zu einem sehr aktuellen „Kontinent-Rennen“: Indigo gegen Waid-Industrie ist so wie Chinesische E-Autos gegen VW/BMW/Mercedes . Oder um mit Travnicek zu sprechen : Simmering-Kapfenberg, das nenn ich Brutalität ! Mal sehen, wie der Kampf diesmal ausgeht ?