Share this emailCopy the public link or share it on your favorite channel.

Episode 66

26.12.2025

Katholiken haben Vorrang

Judith Wells (Biechl) *1956; – meine Großcousine
Egon Biechl *1942;
Ernestine Biechl (Berger) *1905; †1969 – meine Mutter
František Adam Berger *1738; †1790 Emissär des Generals Waffenberk
mein 4-facher Urgroßvater
Jan Berger *1707; †1752 - sein Vater
Augustin Berger *1686: †1716 - dessen Vater
Jakub Berger *1665: †1735 - dessen Vater
Adam z Bergu / Adam vom Berg *1634; †1692 - mein 8-facher Urgroßvater
Legende für Farben: Österreicher, Mährer, besondere Merkmale
„Gnädiger Herr Adam Berger z Bergu, ich bin stolz darauf, dass ich Sie in den historischen Dokumenten entdeckte. So kann ich mit Ihnen kommunizieren und Ihnen auch die Gelegenheit bieten, einen kurzen Blick in Ihre Zukunft zu werfen.
Ihr Vater Jiři Berger z Bergu und Ihr Großvater Jan Václav Krystof Berger z Bergu erlebten 1620 die Niederlage des evangelischen mährischen Adels gegen die kaisertreuen Katholiken in der Schlacht am Weißen Berg hautnah. Der Erste, der nicht in einem Schloss aufwuchs, waren Sie.“
„Du sagst es! 1623 mussten wir, besiegt und verjagt von Schloß Vohančice bei Brünn, danach trachten, wieder halbwegs in Mähren Fuß zu fassen. Diese Aufgabe beherrschte mein Leben.“
„Worauf führen Sie zurück, dass Ihnen dieses Unterfangen gelang?“
„Wir zählten nicht zu jenen protestantischen Rittern, die nach Sachsen oder Preußen ins Exil zogen, sondern ließen uns katholisch taufen, um weiterhin in Mähren eine Rolle spielen zu können. Jeder von uns sorgte zunächst für sein eigenes Überleben, bald aber trafen wir, die Kryptoprotestanten und Gesinnungsgenossen von früher, uns wieder. Mit Geschick konnten wir gemeinsam viel erreichen.“
„Sie waren auch der Erste in der Berger-Familie, der nach Uherské Hradiště zog.“
„Ja, das ist die Verwaltungsstadt für den Kaiser. Wo, wenn nicht hier, kann man sich nützlich bis unentbehrlich für ihn machen?“
Uherské Hradiště
Brünn
„1641, also in Ihrer Zeit, löste Brünn Olmütz als Hauptstadt von Mähren ab. Heißen Sie das gut?“
„Es war eine bittere Notwendigkeit. Olmütz, die alte ehrwürdige Bischofsstadt, war den Schweden nämlich schutzlos ausgeliefert und fiel 1642 in ihre Hände. Brünn hingegen mit seiner mächtigen Festung Spielberg hielt stand. Uns Rittern gibt Brünn, wo die Landtafeln – die Grundbücher des Adels – lagern, die Sicherheit.“
Zwischen 1620 und 1750 vollzog sich in Mähren eine dramatische Transformation: Das Land wandelte sich von einem kriegszerstörten, religiös gespaltenen Unruheherd zu einem rein katholischen barocken Musterland der Habsburger. 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs gab es kein Zurück mehr zum Protestantismus. Die Jesuiten waren jetzt (besonders in Brünn und Uherské Hradiště) die prägende Kraft in Bildung und Kultur. Überall wurden Kirchen, Klöster und Pestsäulen errichtet. Der Adel baute prächtige Stadtschlösser, um seine Nähe zum Kaiser zu zeigen.
Mähren fungierte als Bollwerk gegen den Osten und spielte eine strategische Rolle in den Türkenkriegen. Während der Belagerung Wiens im Jahr 1683 und in den darauf– folgenden Konflikten mit dem Osmanischen Reich dienten mährische Adelige in großer Zahl im kaiserlichen Militär. Auch gegen die Einfälle der aufständischen Kuruzen aus Ungarn musste das Land gesichert werden. Städte wie Uherské Hradiště wurden deshalb zu nach damaligen Maßstäben hochmodernen Festungen ausgebaut, um den Osten Mährens vor der Verwüstung zu schützen.
,Kaiserin' Maria Theresia von Österreich
Friedrich II. der Große, König von Preußen
Infolge der Schlesischen Kriege (1740–1763) und der Bedrohung durch Friedrich den Großen leitete Maria Theresia tiefgreifende Reformen ein. Der Schock über die militärische Unterlegenheit gegenüber Preußen und der schmerzhafte Verlust fast ganz Schlesiens führten dazu, dass sie die Habsburgermonarchie – und damit auch Mähren – von Grund auf modernisierte. Aus dem alten Ständestaat wurde ein zentralisierter Beamtenstaat, in dem fachliche Qualifikation und Ausbildung zunehmend wichtiger wurden als bloßer Landbesitz.
1) Militärreform: Statt auf unzuverlässige Adelsaufgebote setzte man nun auf ein professionelles, vom Staat finanziertes stehendes Heer. Mit der Gründung der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt im Jahr 1751 wurde die Offiziersausbildung systematisiert; Beförderungen erfolgten fortan nach persönlichem Verdienst und fachlicher Eignung statt allein nach Standeskriterien. Die Armee wurde nach preußischem Vorbild gedrillt, und in strategisch wichtigen Festungen wie Uherské Hradiště wurde die Versorgung und Logistik umfassend professionalisiert.
2) Verwaltungs- und Staatsreform: Eine neue Zentralbehörde in Wien übernahm fortan die Verwaltung und die Finanzen des Reiches. Damit verloren die regionalen Landeshauptmannschaften – wie jene in Brünn – an Eigenständigkeit und wandelten sich zu ausführenden Organen des Wiener Hofes. Mähren wurde systematisch in Kreise unterteilt (Hradischer oder Ungarischer Kreis im Gebiet der Familie Berger), die von staatlich bestellten Beamten verwaltet wurden. Diese tiefgreifende Umstrukturierung schuf zahlreiche neue Positionen im Staatsdienst, die dem niederen Adel, wie eben den Bergers, neue Karrierewege und soziale Sicherheit eröffneten.
3) Steuerreform: Im Zuge des Theresianischen Katasters wurde das gesamte Land systematisch vermessen und der Grundbesitz – erstmals auch jener des Adels – lückenlos erfasst, um eine gerechtere Besteuerung zu ermöglichen. Für eine ritterliche Familie wie die Bergers bedeutete dies zwar einen Zuwachs an Bürokratie, brachte jedoch gleichzeitig eine neue Form der Rechtssicherheit mit sich. Wer im Kataster stand, dessen Stand und Besitzansprüche waren staatlich verbrieft und geschützt.
4) Bildungsreform: Mit der Einführung der allgemeinen Schulordnung im Jahr 1774 wurde die Schulpflicht begründet. Überall in Mähren entstanden sogenannte ‚Trivialschulen‘ (Volksschulen), die die Grundbildung in Lesen, Schreiben und Rechnen
sicherstellten. Während Latein als Gelehrten- und Urkundensprache weiterhin wichtig blieb, gewannen praxisorientierte Fächer wie Mathematik, Geografie und Geschichte massiv an Bedeutung. Zudem wurde die deutsche Sprache als einheitliches Medium für Verwaltung und Bildung gefördert. Diese Modernisierung schuf die Grundlage für eine neue Generation von Staatsdienern, die – unabhängig von ihrer Herkunft – den Anforderungen eines zentralisierten Reiches gewachsen waren.
Neue Schulordnung 1774
„Herr Jakub Berger, Sie haben sieben Jahrzehnte mährischer Geschichte miterlebt – vom Wiederaufbau nach den Schweden bis hin zum großen Barock. Was war die schwerste Prüfung in Ihrem langen Leben?“
„Es war schwer, unsere Stellung in der mährischen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Doch das war eine Herausforderung, die ich stets bereitwillig annahm. Der eigentliche Schicksalsschlag aber war, dass mein Sohn Augustin bereits mit dreißig Jahren vor mir sterben musste. Das traf mich tief; denn zusätzlich zu meiner Trauer musste ich mich nun mit aller Kraft um den Lebensweg meines Enkels Jan kümmern, damit unser Name nicht untergeht.“
„Jan Berger, Sie verloren Ihren Vater Augustin mit nur neun Jahren. Dennoch haben Sie es geschafft, Ihren Platz im Ritterstand zu behaupten. Wie konnten Sie dieses Erbe für sich und Ihren Sohn bewahren?“
„Die Bergers halten zusammen. Meine drei Onkel, Josef, Jakub und Jerg, unterstützten meine Mutter und mich nach Kräften. Geholfen hat uns zudem die Solidarität unter jenen, die dasselbe Schicksal teilten und dem Kaiser einst unterlegen waren.“
„Was war Ihnen bei der Erziehung Ihres Sohnes am wichtigsten, um ihn zu befähigen, Emissär eines Generals wie Waffenberk zu werden?“
„In einer Festungsstadt wie Hradiště lernt man zuerst das Schweigen und das Beobachten. Ich hielt ihn dazu an, die Sprachen des Reiches zu erlernen – Latein für die Urkunden, Deutsch für den Dienst und unser Mährisch für das Herz. Doch vor allem lehrte ich ihn, das Netzwerk zu pflegen. Er musste wissen, wer mit wem verschwägert war und wer dem Kaiser in Treue oder nur aus Eigennutz diente. Von befreundeten Hochadeligen ließ ich ihm das höfische Protokoll und die Etikette – die ‚feine Klinge‘ der Diplomatie – beibringen. Er musste auch die Logistik und die Geografie Mährens verstehen; er lernte, Karten zu lesen und Berichte so zu verfassen, dass sie militärisch präzise waren. Ein Emissär kämpft nicht mit dem Degen, sondern mit dem Wort und dem Vertrauen, das er ausstrahlt.“
„Das klingt alles sehr versöhnlich. Waren Böhmen und Mähren zu Ihrer Schaffenszeit um 1730 bis 1752 tatsächlich so ‚kuschelig‘, wie es der barocke Glanz vermuten lässt?“
„Kuschelig? Beileibe nicht. Die Habsburger, durch und durch Katholiken, sind nicht nur gegen die Evangelischen, was wir zu spüren bekommen hatten, sondern auch gegen jede andere Religion. So fasste die als große Reformerin hochgeschätzte Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen Maria Theresia im Jahr 1745, als sie durch die Krönung ihres Gatten Franz I. Stephan zum Kaiser auch diesen Titel erhielt, einen folgenschweren Beschluss.“
„Was für einen Beschluss meint Ihr?“
„Einen grausamen! Alle Juden in Böhmen und Mähren – zwischen zehn- und zwanzigtausend Menschen – mussten mitten im Winter bei Eiseskälte ihre Behausungen verlassen. Über tausendvierhundert von ihnen fanden in der Folge durch Frost und Krankheit den Tod. Der Vorwurf lautete, sie hätten im Ersten Schlesischen Krieg mit den Preußen paktiert. Doch der wahre Grund war ein tief verwurzelter, religiös motivierter Judenhass. Erst als der internationale Protest zu laut wurde und man in Wien erkannte, dass dem Staat durch die Vertreibung enorme Steuereinnahmen entgingen, nahm Maria Theresia den Befehl im Jahr 1748 teilweise, jedoch nur unter strengen Auflagen zurück.
Auch danach blieb das Leben der Juden in Mähren ein ständiger Kampf. In Städten wie Brünn oder Uherské Hradiště wurde die Zahl der jüdischen Ehen streng limitiert; um die Bevölkerung klein zu halten, erhielt oft nur der älteste Sohn die Heiratserlaubnis. Juden mussten weiterhin Kennzeichen wie den gelben Fleck an ihrer Kleidung tragen und blieben in die engen Gassen der Ghettos verbannt.“
„Sie und Ihr Sohn František Adam waren jemals auch so betroffen gewesen?“
„Nein!“
Quellen: Wikipedia, MyHeritage, Geni, Kurier vom 31.10.2023
Reaktionen:
Günter Ofner:
1. Der mährische Adel war an der “Schlacht am Weißen Berg” nicht beteiligt.
Enteignet wurden in der Folge auch evangelische Adelige in Mähren, aber nicht so rigoros wie in Böhmen.
2. Die Mährischen Kreise wurden bereits in der Regierungszeit von Kaiser Karl IV. (14. Jht.) eingerichtet – nicht unter Maria Theresia (18. Jht.).
3. Uherské Hradiště heißt auf Deutsch “Ungarisch Hradisch” und war bis weit ins 19. Jht. hinein eine mehrheitlich deutschsprachige Stadt in einem tschechisch, eigentlich slowakischsprachigen Umfeld.
Noch bei der Volkszählung von 1880 gaben 1.898 Deutsch und 1.712 Tschechisch als Umgangssprache an. Erst mit der folgenden Masseneinwanderung in die Stadt hat sich das gedreht.
4. Den Kauf von Offiziersposten gab es bis 1848.
5. Ein dichtes Netz von Trivialschulen (Volksschulen) gab es schon seit der Reformation in Form der Pfarrschulen.
Die Schulordnung von 1774 hat dann vorgeschrieben, daß alle Kinder sie besuchen sollen, also z. B. auch die Dienstbotenkinder.
6. Den “Gelben Fleck” gab es im Mittelalter (vor ca. 1500) gelegentlich in Mitteleuropa.
In der Zeit Maria Theresias gab es “Judenzeichen” nur mehr in einigen italienischen Staaten, wie dem Kirchenstaat und in Litauen.
In den habsburgischen Ländern gab es ihn schon jahrhundertelang nicht mehr.
Antal Braunecker: Gottseidank sind zumindest bei uns in Mitteleuropa all die unseligen Religionskonflikte vorbei und Geschichte – obwohl nein, die aktuelle (nicht nur) österreichische Islamophobie zeigt ja auch das Gegenteil, und absurderweise rekrutieren sich aus den islamophoben Kreisen auch die meisten Antisemiten
(genauer: Judenhasser, denn Semiten sind ja auch die Araber).
Aber immerhin – Religion spielt nicht mehr die zentrale Rolle wie in dem von Dir beschriebenen Mähren, wo unzählige Existenzen davon abhingen, den „richtigen“ Glauben zu haben. Unser ewiger Dank wird die Aufklärung verfolgen !
Reaktion zu Episode 65:
Antal Braunecker: Na, drei Jahrhunderte auf dem Weg zurück hätten wir jetzt schon – fehlen eh nur mehr acht 😊
Uherske Hradiste ist auch heute noch eine schöne Stadt, ich war 1-2x beruflich dort.
Und man lernt nie aus : Dass der Bayrische Erbfolgekrieg „Kartoffelkrieg“ genannt wurde, wusste ich nicht, ist aber witzig !