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Episode 29

6. 12. 2024

Lucrezia Borgia

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
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Ernestine Biechl (Berger) *1905; †1969 - meine Mutter
Otto I, »der Rotkopf«, Herzog von Bayern Wittelsbach *1117; †1183 - 25-f. Urgroßvater
Rodigo Borgia, Papst Alexander VI *1431; †1503 - sein 9-facher Urgroßenkel
Lucrezia Borgia, *1480; †1519 - seine Tochter
Legende für Farben: Österreicher - Deutsche - Italiener - besondere Eigenschaften
Rodrigo Borgia, später Papst Alexander VI
„Alexander, Deine Heiligkeit, wie bist Du, als letzter der Katalanen aus Spanien Papst geworden?“
„Mein Onkel, Papst Calixtus III, überließ mir nicht nur einige lukrative Pfründe, sondern bemühte sich auch um meinen Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie. 1457 ernannte er mich, obwohl ich - wie zu meiner Zeit üblich - noch kein Priester war, zum Vizekanzler der Heiligen Römischen Kirche und 1471 zum Kardinalbischof von Albano. Als solcher hatte ich mit meiner Geliebten Vanozza de' Cattanei, mit der ich 20 Jahre zusammenlebte, vier Kinder: Juan, Cesare, Lucrezia und Jofré. - Vom zweiten Lateranischen Konzil wurde zwar 1139 der Zölibat als zwingend vorgeschrieben, aber zu meiner Zeit sieht man das nicht als wirklich schlimm, speziell nicht bei mir in meiner Position als Kardinal und Papst, zu dem ich 1492 gewählt wurde.“
„Liebe Lucrezia Borgia, Herzogin von Ferrara, bist Du wirklich so verrucht, wie Du heute immer noch dargestellt wirst?“
„Du kannst Dir sehr wohl vorstellen, dass die Gerüchte, die sich um mich ranken, übertrieben sind. Es stimmt, dass ich in meiner exponierten Position als Tochter eines machtgierigen Papstes gezwungen war, sittlich verwerfliches Verhalten mitzumachen. Aber wieso willst gerade Du mit mir über dieses Thema reden?“
„Ich bin neugierig geworden und möchte von Dir selber Deine Geschichte erfahren.“
„Du wirst es nicht glauben, aber ich wurde von dominikanischen Nonnen erzogen, lernte, wie damals für Meinesgleichen üblich, humanistische Literatur, Redegewandtheit und Tanzen. Neben Italienisch und dem in der Familie üblichen Katalanisch spreche ich Französisch und Latein, sogar ein wenig Griechisch.“
Lucrezia Borgia
„Das ist absolut großartig! Wenn Du aber von »Meinesgleichen« sprichst, klingt es ziemlich normal. Was hebt Dich hervor aus dieser Normalität?
„Wie zu meiner Zeit von allen adeligen Mädchen erwartet wurde, mussten sie früh eine für die eigene Familie politisch vorteilhafte Ehe eingehen. Die Intrigen meines machtgierigen Vaters verlangten von mir jedoch ein Vielfaches. Im Februar 1491, als ich elf Jahre alt war, verlobte mich mein Vater, damals noch Kardinal, mit einem Adeligen aus dem Königreich Valencia. Dessen ungeachtet wurde ich bereits im April per Prokuration (also durch Stellvertreter) rechtskräftig mit Don Gasparo da Procida (im Golf von Neapel) verlobt, hatte also eine Zeitlang zwei Verlobte.“
„Welchen Einfluss hatte die Wahl Deines Vaters zu Papst Alexander VI auf Dein Leben?“
„Drei Monate nach seiner Weihe zum Papst im August 1492 löste mein Vater die Verbindung zu Don Gasparo und machte einen Ehevertrag mit Giovanni Sforza aus der Familie eines seiner Wahlunterstützer. Mit ihm wurde ich im Juni 1493 als 13-Jährige verheiratet, wobei die Ehe wegen meiner Jugend nicht gleich vollzogen wurde. Beim Kampf des französischen Königs Karl VIII gegen die Neapolitaner war Giovanni zwischen den Fronten, verwandt mit den Sforzas, den Verbündeten der Franzosen, und verheiratet mit mir, der Papsttochter aus dem Geschlecht der Borgias auf der anderen Seite. So kämpfte er für die Neapolitaner und spionierte zugleich für die Franzosen, was nicht unentdeckt blieb.“
Französisches Savoyen und Mailand gegen den Kirchenstaat und Neapel
Papst Alexander VI
„Wofür wirst Du als ausschweifend und verrucht angesehen? Dass Dein Vater mit Deinem Körper Geschäfte machte, Mitgift versprach und nur manchmal zahlte, Ländereien vergab und kassierte, Titel vergab und dabei seine Macht nützte und ausbaute, kann doch nicht der Grund sein? War das vielleicht deshalb, weil Du bei dessen diversen Abwesenheiten die Regierungsaufgaben Deines Vaters wahrnahmst?“
„Hör zu! Als ich, die 16-Jährige, mit einer Freundin während des Gottesdienstes in St. Peter in dem nur für Prälaten vorgesehenen Chorgestühl im Chorraum Platz nahm, verursachte ich einen Riesenskandal. Sagt das etwas über meinen Charakter aus?“
„Das ist doch nur ein Ablenkungsmanöver! Was war es wirklich? Was ist dazuerfunden?“
„Als unsere Ehe aufgrund der zuvor entdeckten Doppelfunktion von Giovanni annulliert werden sollte, war das nicht möglich, außer sie wäre unrechtmäßig geschlossen oder nicht vollzogen worden. Beides wurde von meinem Mann nicht anerkannt. Schließlich wurde das Gerücht in die Welt gesetzt, er sei impotent. Um das Gegenteil zu beweisen, sollte Giovanni vor Kardinälen an zwei Prostituierten den Akt ausführen. Da er diese Demütigung nicht ertragen wollte, forderte er mich auf, Rom zu verlassen und ihm zu folgen. Nicht bereit, das zu tun, musste ich von ihm hören, dass wir nur deshalb geschieden werden sollten, damit ich mit meinem Bruder und meinem Vater Inzest treiben könne.“
Lucrezia im Mittelpunkt von Intrigen
„Wie empfandest Du das?“
„Was ich fühlte, als die Verleumdungen gegen mich begannen? Was hättest Du empfunden? Mein Leben blieb turbulent. Durch die Pläne meines Vaters wurde ich zur Gleichgültigkeit gezwungen. Als ich 19 Jahre alt und Herrscherin über diverse Städte war, erwartete meine Familie von mir, dass ich Don Alfonso von Aragon heirate. Er war Herzog von Bisceglie, Prinz von Salerno und unehelicher Sohn von König Alfons II von Neapel.
Als der Kirchenstaat die Fronten - weg von Neapel hin zu Mailand und Savoyen - wechselte, wurde Giovanni, mein Ex, jedoch von den Papsttreuen zunächst schwer verwundet, dann aber von Cesare, meinem Bruder, persönlich vergiftet, wie es heißt. Ich wurde abgehärtet, quasi immunisiert.“
„Wie ging es weiter?“
„Nur um die d*Estes, meine Schwiegereltern in spe, zu beeindrucken,
wurden hunderttausende Dukaten Mitgift bezahlt und 21 Kardinäle samt Gefolge von 4000 Mann aufgeboten. Tatsächlich heiratete ich dann, A.D. 501, den Herzog von Ferrara Alfonso d'Este.“
Lucrezia als Herzogin von Ferrara mit ihrem ältesten Sohn Ercole, Silberstich 1512
„Ich hörte von Deiner Teilnahme an einem »Kastanienball«, der eine Orgie gewesen sein soll. 50 eingeladene Kurtisanen hätten nach dem Mahl nackt mit Dienern und anderen Männern getanzt, wobei anschließend die Männer, die am häufigsten den Akt vollzogen hätten, prämiert worden seien. Was hat es damit auf sich?“

„Dieser Ball hat selbstverständlich niemals stattgefunden. Da ist den Gerüchte-schmieden die Phantasie durchgegangen. Es ist traurig, dass nur Schmutz auf mich geworfen wurde.“
„Hat sich das mit zunehmendem Alter geändert?“
„Meine politischen Bemühungen um Kultur und Menschen werden nicht gewürdigt. Erst als Herzogin von Ferrara bin ich Kunstmäzenin geworden.
Was vielfach übersehen und vergessen wird: ich erließ gegen den allgemeinen Trend ein Gesetz, das die Juden vor Verfolgung schützen sollte.
Jetzt widme ich mich dem klösterlichem Leben. Sag das Deinen Zeitgenossen!“
Lucrezia Borgia wurde aus einer Vielzahl von Gründen Ziel von Feindseligkeiten und Rufschädigungskampagnen, die größtenteils auf die politische und soziale Dynamik ihrer Zeit, der Zeit von Hexenverfolgung und Inquisition, zurückzuführen sind. Die Angriffe auf sie sind eine Mischung aus tatsächlichen Ereignissen, Propaganda und misogynen, frauenfeindlichen Klischees, die sie bis heute zu einer der umstrittensten Figuren der Renaissance machen. Die Anfeindungen gegen Lucrezia Borgia hatten weniger mit ihrem tatsächlichen Verhalten zu tun, als vielmehr mit ihrer Rolle als Frau in einer mächtigen, umstrittenen Familie und als Werkzeug politischer Allianzen. Propaganda, Frauenfeindlichkeit und die spätere Bearbeitung ihres Lebens durch Kunst und Literatur haben ihr historisches Bild nachhaltig verzerrt. In Wirklichkeit war sie wahrscheinlich viel weniger skandalös, als sie dargestellt wird, und hatte mehr politische und kulturelle Fähigkeiten, als ihr zu Lebzeiten zugetraut wurden.
Gaetano Donizetti
*1797; †1848
Alexandre Dumas
*1802; †1870
Victor Hugo
*1802; †1885
Die Ausgestaltung der Legende übernahm kurz nach dem Tod Alexanders der päpstliche Zeremonienmeister Johannes Burckard.
Alexandre Dumas mit seinem Roman »Les Borgia« und Victor Hugo mit seinem Theaterstück »Lucrèce Borgia« prägten das Bild von Lucrezia als einer Frau mit einem ausschweifenden Lebenswandel und dem einer skrupellosen Giftmischerin.
Der Librettist Felice Romani machte aus Hugos Vorlage das Libretto zur gleichnamigen Oper von Gaetano Donizetti
Reaktion zu Episode 28 - Klosterverwandtschaften:
Antal: Durchaus verblüffende Genealogie ! Das mit der päpstlichen Aufhebung des Inzuchtverbots für die Habsburger wusste ich nicht – mit ein bisserl Zynismus könnte man sagen, daß das in den nachfolgenden Jahrhunderten manchmal Folgen hatte….
Und schade um Superga – was für ein prachtvolles Kloster !
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Egon Biechl Privat