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Episode 48

9.5.2025

Der »Urwalddoktor«

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich, obwohl manchmal nicht zu 100 % erreicht. Die genealogischen Unterlagen sammle ich intensiv seit 2008, die allgemeinen historischen Tatsachen recherchiere ich von Woche zu Woche. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser diese Geschichten interessant finden.
Bohuslav Drnovský z Drnovic * ?; †1548 - mein 13-facher Urgroßvater
Maria Magdalena von Neuhaus *1224; †1299 - meine 20-fache Urgroßmutter
Otto I »der Rotkopf« von Wittelsbach, Herzog von Bayern *1117; †1183
mein 23-facher Urgroßvater
Albert Schweitzer, »Urwalddoktor« *1875; †1965 - sein 21-facher Urgroßenkel
Legende für Farben:
Osteuropäer, Österreicherin, Deutscher, Deutsch-Franzose, besondere Merkmale
„Euer Hochwohlgeboren, Bohuslav Drnovský z Drnovic, Ihr Leben und das Ihrer unmittelbaren Vorfahren sowie Kinder und Kindeskinder spielt sich haupt–sächlich in Mähren ab. Erinnern Sie sich daran, dass unser Geschlecht von einem bayrischen Herzog abstammt?“
„Natürlich kenne ich unsere Geschichte, obwohl mich das mittlerweile wenig berührt. Wir konzentrieren uns gerne auf unsere Burgen und Schlösser hierzulande. Das Herrschaftshaus der Drnovic, in dem ich zur Welt gekommen bin, ist zwar relativ bescheiden, aber wir sind in die Burg Buchlov umgezogen, die uns jetzt gehört."
»Burg« z Drnovic heute erstmals erwähnt 1391
Schloss von Buchlovice
fertigestellt 1702
Burg von Buchlov vom böhm. König 1250 erbaut
„Zu diesen Themen kann ich einiges beitragen. Ihr kleines Schlösschen z Drnovic von damals steht zwar am selben Ort, aber sonst? Die Burg von Buchlov zählt zu den ältesten erhalten gebliebenen Burgen in der Tschechischen Republik und das Barockschloss von Buchlovice ist nach Ihrer Zeit entstanden, war aber im Besitz Ihrer Nachfahren.“
„Du versetzt mich in Staunen über das, was immer noch an uns erinnert.“
„Geschätzter Ulrich von Neuhaus, heute sind nicht Sie der Angelpunkt für die Persönlichkeit, die ich anpeile. Heute geht es über Ihre Gattin Maria Magdalena bis zu deren Urgroßvater Otto I »Rotkopf«.“
„Da bin ich aber gespannt, wohin diese Achse führt.“
„Herzog Otto I, der Rotkopf – als Pfalzgraf von Bayern waren Sie Otto VI – wer oder was hat Sie, den Wittelsbacher, zum bayrischen Herzog gemacht?“
„1156 bis 1180 war ich, wie Du richtig sagst, als Sohn von Otto V bayrischer Pfalzgraf. Als solcher unterstützte ich Kaiser Friedrich Barbarossa bei seiner Rückkehr über die Alpen nach Deutschland. Deswegen belehnte er mich 1180 mit dem Herzogtum. Unterstützt wurde ich dabei von meinem Bruder Konrad I, abwechselnd Erzbischof von Mainz und Salzburg. Als einfacher Pfalzgraf folgte mir 1180 Otto VII, mein Bruder.
„Das Herzogtum Bayern war allerdings zu Ihrer Zeit schon sehr geschrumpft!“
„Die Abspaltungen gingen allmählich, aber unaufhörlich: 976 Herzogtum Kärnten, 1153 Herzogtum Meranien, 1156 Herzogtum Österreich und knapp vor meiner Ernennung 1180 das Herzogtum Steiermark.“
Bayrisches Herzog-Wappen
Otto I, Herzog von Bayern *1117; †1183
„Was Sie sicher besonders interessiert: als Herzog von Bayern sind Sie der Erste der Wittelsbacher, die bis 1918 Bayern regieren.
Was mich interessiert: ich bin Ihr 23-facher Urgroßenkel.“
„Was man da alles erfährt!“
„Berühmter Friedensnobelpreisträger Herr Albert Schweitzer, ich bin sehr berührt von der Tatsache, dass ich mit Ihnen – zwar sehr, sehr entfernt, aber doch – blutsverwandt bin.“
„Mir ist das zwar egal, aber was bewegt Dich, gerade mit mir Kontakt aufzunehmen?“
„Es sind die vielen herausragenden Leistungen, die Sie im Laufe Ihres Lebens als deutsch-französischer Forscher, Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Organist, Musikwissenschaftler und Pazifist vollbracht haben!“
„Ja, ich kann zurecht behaupten, dass ich zwischen meiner Geburt 1875 im Elsass und meinem Tod 1965 in Gabun ein erfülltes Leben hatte.“
Urwaldhospital Lambarene in Gabun
Albert Schweitzer 1955
Zeichnung Heintzelman
Worin bestand Ihre philosophisch-theologische Ausbildung?“
„Ich studierte in Straßburg Theologie und Philosophie, war 1898 Vikar und promovierte 1899 in Straßburg mit meiner Dissertation »Die Religionsphilosophie Kants von der Kritik der reinen Vernunft bis zur Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« zum Dr. phil. Im Jahr 1901 folgte die theologische Dissertation »Kritische Darstellung unterschiedlicher neuerer historischer Abendmahlsauffassungen«. 1902 wurde ich zum Dozenten für Evangelische Theologie habilitiert.
Musiker + Bach-Interpret
„Wie war es mit Ihrem musikalischen Werdegang?“
„In Paris studierte ich Orgel und Klavier. Ab 1895 übernahm ich die Orgelbegleitung des international anerkannten Chors der Wilhelmskirche in Straßburg, welcher sich besonders Bach-Kantaten und -Passionen widmete. 1905 schrieb ich mein Buch über Johann Sébastien Bach auf Französisch. 1908 folgte eine Neufassung auf Deutsch.
Als einer der Hauptvertreter der sogenannten Elsässisch-Neudeutschen Orgelreform propagierte ich gegen die damals in Deutschland üblicherweise gebauten Instrumente einen neuen Orgeltyp. Vor allem im Elsass wurden Orgeln nach meinen Ideen gebaut.“
„Warum absolvierten Sie auch noch eine medizinische Ausbildung?“
„1905 wurde ich wegen meiner liberalen theologischen Ansichten als Missionar bei der Pariser Missionsgesellschaft abgelehnt. Daraufhin studierte ich von 1905 bis 1913 Medizin, um in Französisch-Äquatorialafrika als Missionsarzt tätig zu werden. Da ich bereits Universitäts–Dozent war, brauchte ich eine Sondergenehmigung der Regierung, damit ich zum Studium der Medizin immatrikulieren konnte. 1912 als Arzt approbiert, schrieb ich 1913 meine medizinische Doktorarbeit: »Die psychiatrische Beurteilung Jesu: Darstellung und Kritik«.
Humanist + Arzt
Somit hatte Albert Schweitzer in drei verschiedenen Fächern promoviert und war zusätzlich Professor der Theologie. 1913 erfüllte er sich seinen Herzenswunsch, Afrika zu missionieren. Dazu gründete er mit 38 Jahren das Urwaldhospital in Lambarene.
Aber schon beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurde er zusammen mit seiner Frau Helene Schweitzer-Bresslau aufgrund der deutschen Staatsange–hörigkeit von der französischen Armee unter Hausarrest gestellt. 1917, er–schöpft von vier Jahren Arbeit, wurden beide festgenommen, von Afrika nach Frankreich überführt und dort bis Juli 1918 interniert.
„Warum nahmen Sie 1918 die französische Staatsbürgerschaft an?“
„Das war ganz automatisch. Elsass war wieder an Frankreich angegliedert worden. Freilich bevorzugte ich »Elsässer«, oder noch lieber »Weltbürger« genannt zu werden. Ich nahm wieder die Stelle als Vikar in Straßburg an und trat als Assistenzarzt in ein Straßburger Spital ein. Dank eines schwedischen Bischofs konnte ich ab 1920 in Schweden Vorträge über meine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben halten und mittels Orgelkonzerten Geld für die Rückkehr nach Afrika im Jahr 1924 verdienen, um dort das Urwaldhospital weiter auszubauen.“
„Zum Nationalsozialismus hatten Sie ein vorsichtiges Verhältnis der Ablehnung.“
„In meiner Rede zum 100. Todestag Johann Wolfgang von Goethes 1932 in Frankfurt am Main warnte ich vor den Gefahren des aufkommenden Nationalsozialismus. Eine nach Lambarene versandte und »mit deutschem Gruß« unterzeichnete Einladung von Joseph Goebbels, der mich für die NS-Ideologie gewinnen wollte, beantwortete ich mit einer höflichen Absage und unterzeichnete »mit zentralafrikanischem Gruß«. Meine Frau musste wegen ihrer jüdischen Abstammung durch ganz Frankreich fliehen, schaffte es aber 1941 unter schwierigsten Umständen doch noch, nach Afrika auszureisen.“
„Berühmt wurden Sie vor allem durch das Urwald-Spital in Lambarene.“
„Wir stellten Großartiges auf die Füße. 1961 arbeiteten hier 5 Ärzte aus Japan, Ungarn, USA und der Schweiz. Es gab 12 diplomierte Krankenschwestern aus Europa und 40 Heilgehilfen aus Afrika. Wir konnten 470 stationäre Patienten beherbergen. Aufgrund meiner Ethik vor dem Leben behandelten wir auch kranke Tiere in 20 Gehegen.“
Eigentlich ist es kaum möglich, Albert Schweitzers umfangreiche Überzeugungen, Prinzipien und Normen, die Quintessenz seines philsophischen Denkens, in wenigen Worten zu erfassen, aber einen Versuch ist es wert. Aus Angst vor unmenschlicher Gesinnung war er nicht nur für atomare, sondern für jedwede, sogar einseitige Abrüstung. Er propagierte, dass Menschen nicht nur über sich selbst nachdenken und ihre eigenen Grenzen erkennen, sondern auch die Bedürfnisse aller Mitmenschen wahrnehmen und anerkennen sollten. Seine Beschäftigung mit unterschiedlichen Welt-religionen, vielfältigen Philosophien und dem Leben Jesu führte ihn zum Ideal der Ethik, wie er sich ausdrückte.
Gegen Krieg + Atomtod
Erinnerungen an Albert Schweitzers Leben und Wirken
Ruanda 1966
Deutschland 1975
Kongo 1966
Quellen: Myheritage, Geni, Wikipedia, Kurier vom 5. Jänner 2025
Aktuelle Information:
Antonia Steiner: Wir trauern um eine bedeutende Per–sönlichkeit der karitativen Arbeit, um meinen Mann Jörg Christian Steiner (59), Generalsekretär der Österrei-chischen Albert-Schweitzer-Gesellschaft (ÖASG), der am 10. März 2025 verstarb. Sein unermüdliches En-gagement für humanitäre Projekte berührte unzählige Menschen und wird unvergessen bleiben.
Egon: Meine Familie trauert um unseren Freund mit.
Reaktion zur Episode 47 – Schulbank:
Antal: Dass es in Kremsmünster schon im 8. Jhdt. eine Klosterschule gab, hat mich jetzt schon überrascht. Ich habe das geistig etwa ins 11. Jhdt. gelegt. Und natürlich alle Achtung, dass Kremsmünster bis heute eine sehr gute Schule hat. Es fällt auch auf, dass die geistlichen Schulen, zumindest bei den Gymnasien, weiterhin eine Sonder-stellung bezüglich Qualität einnehmen. Nun ja, über die weltanschauliche Ausrichtung / Disziplin kann man vielleicht streiten…
Interessanterweise ist aber die Zeit der erstklassigen kirchlichen Universitäten vorbei.
Reaktion zu dieser Episode:
Antal: Ein echter Tausendsassa, dieser Albert Schweitzer! Zu seiner Zeit sprach man auch von „Polyhistor“. Diesen Begriff vermisse ich in heutigen Diskussionen sehr, vor allem aber den Typen Mensch, der so bezeichnet wurde. Gut, wir wissen, daß sich das gesamte menschliche Wissen in immer kürzeren Zeitabständen verdoppelt und daher niemand mehr ein „Total-Histor“ sein kann, aber ein bisschen mehr Menschen, die wenigstens bedingt „Poly-„ sind, wären schon noch wünschenswert. Man kann zwar heute alles googeln, aber Fragen ohne ein breites Wissen an ChatGPT zu stellen, wird nicht zu richtigen und wichtigen Fragen bzw Suchbegriffen führen!
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Egon Biechl Privat