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Episode 34

24. 1. 2025

Bertha und Alexander

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich. Die genealogischen Unterlagen sammle ich intensiv seit 2008, die allgemeinen historischen Tatsachen recherchiere ich von Woche zu Woche. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
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Ernestine Biechl (Berger) *1905; †1969 - meine Mutter
Ulrich I von Neuhaus *1222; †1282 - mein 20-facher Urgroßvater
Heinrich V von Schaunberg *1290; †1357 - Urenkel von Ulrich I
Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner *1843; †1914 -
dessen 12-fache Urgroßenkelin
Zar Alexander III von Holstein - Gottorp - Romanov *1845; †1894 -
dessen 14-facher Urgroßenkel
Legende für Farben: Österreicher - Osteuropäer - besondere Merkmale
Adelsgeschlecht von Neuhaus
Adelsgeschlecht von Schaunberg
Adelsgeschlecht von Suttner
Wappen von Zar Alexander III
„Liebe Bertha, Freifrau von Suttner, wodurch wurdest Du so berühmt?“
„Du kannst das ja nachlesen. Ich machte nie ein Geheimnis aus meinen Aktivitäten.“
„Aber statt miteinander nur Tee zu trinken, können wir doch über Dein Leben, an dem ich großes Interesse habe, gemeinsam reflektieren! Ich bin ja ein direkter, wenn auch ferner Verwandter von Dir.“
„Nun gut! Ich vertraue Dir einfach, obwohl Du mich erst davon überzeugen musst. Eine unserer Gemeinsamkeiten besteht darin, dass wir Beide viel schreiben. Du über Dein Leben und das Deiner Vorfahren und ich über den Pazifismus, das wichtigste Thema der Welt von heute, von gestern und wohl auch von morgen.“
„Du bist doch in Prag als Kinsky geboren. Als Aristokratin hast Du viele Sprachen gelernt, Dich intensiv mit Musik beschäftigt und bist viel herumgereist. Warum bist Du nach Wien gekommen?“
„Mein Vater, der vor meiner Geburt starb, war General und sehr vermögend. Meine alleinerziehende Mutter hatte die Spielleidenschaft, sodass ich mich 1873 als Gouvernante der Familie des Freiherrn Karl von Suttner in Wien verdingen musste. ich verliebte mich in deren Sohn Arthur, der um sieben Jahre jünger war als ich. Das gefiel dessen Eltern überhaupt nicht. Seine Mutter entließ mich daher nach drei Jahren, verschaffte mir aber den Posten als Privatsekretärin bei Alfred Nobel in Paris. Nach zwei Wochen wurde dieser großartige Erfinder jedoch vom schwedischen König in seine Heimat abberufen. Ich kehrte nach Wien zurück. Arthur und ich heirateten 1876 heimlich. Arthur wurde enterbt, sodass wir für acht Jahre in den Kaukasus zu befreundeten Adeligen zogen.“
„Die russische Sprache war sicher kein Problem für Dich, oder?“
„Im Gegenteil. Mit Sprachunterricht konnte ich Geld verdienen. Aber im Kaukasus wurde damals andauernd Krieg geführt. Das war einer der Gründe, wieso ich mich von da an bis heute mit Pazifismus beschäftige. 1884 hatten wir schließlich die Gelegenheit, von Tiflis nach Wien zurückzukehren."
Der Krimkrieg oder 10. Russisch-Türkische Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich, verbündet mit den Engländern, Franzosen und später auch Sardiniern, dauerte von 1853 bis 1856, war also mit einer Niederlage Russlands längst vorbei. Der Kaukasuskrieg, der von 1817 bis 1864 stattfand und mit einem Sieg Russlands endete, war ein Vorläufer des Russisch-Osmanischen Kriegs 1877-1878, der ebenfalls zugunsten der Russen verlief. Alle diese bedrohlichen Ereignisse in nächster Nähe waren für Bertha von Suttner einprägsam und motivierten sie zu ihren Friedens-Bestrebungen.
Bertha von Suttner
Alexander III als Zarewitsch
„Zar Alexander, wann und vor allem warum bist Du Zarewitsch geworden?“
„Es war 1865 wegen des Todes meines älteren Bruders Nikolai. An seinem Sterbebett versprach ich ihm, seine Verlobte, Dagmar von Dänemark, zu heiraten. Ich ehelichte sie 1866 und blieb ihr auch treu.
Bei meiner Erziehung legten meine Eltern weniger Gewicht auf Geisteswissenschaften als bei meinem Bruder Nikolai. Ich wurde vielmehr militärisch gedrillt. Erst als Thronfolger lernte ich Rechtswissenschaften und Staatskunde.“
„Was hast Du als Thronfolger des Russischen Reiches erlebt? Mein Interesse rührt vor allem daher, dass ich zwar nur entfernt, aber doch blutsverwandt mit Dir bin, ob Du es glaubst oder nicht.“
„Ich bin beeindruckt! Als Begleitung von meinem Vater habe ich viele Staats-oberhäupter kennengelernt. Bei der Weltausstellung 1867 in Paris saß ich zusammen mit ihm und Kaiser Napoleon III in einer Kutsche. Damals wurde auf meinem Vater Alexander II ein Attentat verübt, das erfreulicherweise durch geschicktes Eingreifen des Kutschers misslang. 1873 war ich beim Dreikaisertreffen in Berlin dabei, wo ich den deutschen und österreichisch-ungarischen Monarchen sowie den deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck kennen lernte. Und 1877/1878 war ich einer der militärischen Befehlshaber im Russisch-Osmanischen Krieg in Bulgarien.“
„Hochgeschätzte Bertha, wie hast Du diese kriegerischen Aktivitäten um Dich herum erlebt und verarbeitet?“
„1877 begannen wir, Arthur, mein Mann, und ich, über Land und Leute und den Krieg zu berichten. Arthur schrieb Kriegsberichte und Reisegeschichten für deutsche Wochenzeitungen, ich unter dem Pseudonym B. Oulot Kurzgeschichten und Essays für österreichische Zeitungen. Arthurs Herzensprojekt war der »Verein zur Abwehr des Antisemitismus«. Nach unserer Rückkehr aus Tiflis 1885 söhnten wir uns mit der Familie der Suttners aus und bezogen das Familienschloss im niederösterreichischen Harmannsdorf bei Korneuburg.
„Alexander III, 1881 ist Dein Vater Alexander II in St. Petersburg einem Bombenattentat zum Opfer gefallen. Warst Du erleichtert, endlich Zar, Kaiser der Russen, zu sein?“
„Erleichterung sieht anders aus, aber jetzt konnte endlich ich bestimmen, was hier in Russland passiert und was nicht passieren darf.“
„Warum hast Du die ersten Schritte zur Liberalsierung, die Dein Vater gemacht hat, nicht fortgesetzt?"
„Nach dem Mord an meinem Vater kam es in ganz Russland zu Progromen gegen die jüdische Bevölkerung. Ich sah mich veranlasst, die »Maigesetze« zur Einschränkung der freien Berufsausübung und jedweder Freizügigkeit gegenüber der jüdischen Minderheit zu erlassen, um das wieder in gesetzliche Bahnen zu lenken.
Aber 1881 gründete ich zu meinem eigenen Schutz die Geheimpolizei Ochrana, die meine politischen Gegner nach Sibirien deportierte. Die von meinem Vater Alexander II 1856 verordnete Abschaffung der Leibeigenschaft, die erst 1861 mit der Befreiung aller Leibeigenen tatsächlich endete, konnte ich zwar nicht wieder einführen, aber mit Unterstützung durch die slawische Nation und die orthodoxe Kirche baute ich meine autokratische Herrschaft, der radikalen Russifizierung, weiter aus. Dabei machte ich mich bei Niemandem beliebt, aber eines wird von mir in positiver Erinnerung bleiben: der Start zum Bau der transibirischen Eisenbahn, der längsten Eisenbahnstrecke der Welt.“
„Bertha, wo beginnt Dein Engagement für den Pazifismus?“
„1889 veröffentlichte ich den pazifistischen Roman »Die Waffen nieder« über die Schrecken des Krieges aus der Sicht einer Ehefrau. Dieses Buch war ein großer Erfolg. Es erschien in 15 Sprachen und in 37 Auflagen.
1891 forderte ich öffentlich die Gründung einer »Österreichischen Gesellschaft der Friedensfreunde«. Anlässlich des Weltfriedenskongresses in Rom wurde ich Vizepräsidentin des Internationalen Friedensbüros. Ich forderte internationale Schiedsgerichte“
1899 initiierte Bertha von Suttner die Erste Haager Friedenskonferenz, 1902 nahm sie am Friedenskongress in Monaco teil. 1904 war sie eine der Teilnehmerinnen an der Internationalen Frauenkonferenz in Berlin und 1905 erhielt sie den Friedensnobelpreis.
Bertha von Suttner (links unten) auf der Weltfriedenskongress 1907 in München
„Hallo Alexander, was hast Du außenpolitisch erreicht?“
„1881 schloss ich mit Kaiser Wilhelm I und Kaiser Franz Joseph I den sogenannten »Dreikaiserbund« mit der Verpflichtung zur Neutralität bei einem Angriff der Franzosen. Als dieser Bund nicht erneuert wurde, näherte ich mich den Franzosen an, die sich gerne dazu bereit erklärten, weil sie 20 Jahre lang von Bismarck isoliert worden waren.
Für uns Russen erhoffte ich mir dabei Investoren für die Transibirische Eisenbahn.
Wenn wir schon so lange über mich reden, möchte ich Dir noch etwas erzählen: 1888 entgleiste unser Hofzug. Als das Dach des Speisewagens auf die Fahrgäste zu stürzen drohte, hob ich das Dach mit meinen Schultern so lange an, bis sich alle in Sicherheit gebracht hatten. Ich aber hatte an den Folgen zu tragen.
„Alexander, Diese Anekdote wird man sicher nicht vergessen. Auch Dein Denkmal, das seit 2017 auf der Krim steht, wird an Dich erinnern.
Aber eine gewisse Bertha Suttner, die eine Zeitlang im Kaukasus in Deinem Reich lebte, wird man nicht nur in Russland, sondern weltweit nicht aus dem Gedächtnis verlieren."
Briefmarke zu Ehren von Bertha Suttner
Denkmal von Zar Alexander III
Quellen: MyHeritage, Geni, Wikipedia, Salzburger Nachrichten vom 16. 11. 2024
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