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Ferne Zeit, gleiches Blut
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Zurück in der Zeit wird die Genealogie immer unverlässlicher
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- Ab 1600 (Bürger) und ab 1200 (Adel) ist wissenschaftliche Forschung aus Kirchenbüchern, Heiratsurkunden, Erbdokumenten mit eindeutigen Familiennamen möglich.
- Um 1150-1200: Viel Schriftliches. Auch der niedere Adel (Ministeriale) siegelt schon Urkunden. Stammbäume sind oft schon ab hier lückenlos belegbar.
- Um 1000: Erste Erwähnungen lokaler Grafenfamilien tauchen in Schenkungsurkunden auf. Die Namen der Frauen fehlen oft noch völlig.
- Ab 800: Viele Dokumente über Könige, fast keine über den „normalen“ Adel. Die Quellen sind oft tendenziöse Klosterchroniken.
- Vor 800: Hier verlassen uns die festen Fakten. Leitnamen beziehen sich oft nur noch auf Besitzungen oder Beinamen. Vieles bleibt Wahrscheinlichkeit: Weil Ländereien den Besitzer wechselten, ist XY höchstwahrscheinlich der Sohn von Z. Hier verschmelzen historische Tatsachen mit alten Überlieferungen.
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Heinrich I. von Schweinfurt *970; †1017 - Markgraf im Nordgau - „primas Francorum“ (der Erste der Franken) – mein 30-facher und Judiths 29-facher Urgroßvater
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Frederuna von Arneburg geb. von Harzgau
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Rikbert I. *785; †822 - Graf von Harzgau - mein 38-f. und Judiths 37-f. Urgroßvater
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von Schweinfurt, von Walbeck, von Arneburg, von Harzgau, besondere Merkmale
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Über jeden dieser Grafen, Markgrafen und deren Gemahlinnen aus diesen zwei Jahrhunderten ließen sich viele Details erzählen, doch weltbewegend sind sie kaum. Viel interessanter sind die Daseinsbedingungen jener Zeit. Diese herrschten nicht nur in Arneburg – das heute, im Jahr 2026, als Kleinstadt mit 1440 Einwohnern fortbesteht – oder im damaligen Harzgau im heutigen Sachsen-Anhalt; man fand solche Lebensverhältnisse im gesamten deutschsprachigen Raum.
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Heutzutage gibt es, ob es draußen stürmt oder schneit, im Supermarkt alles. Damals war das Leben für die gewöhnlichen Landbewohner besonders im Winter ein ständiger Kampf gegen den Hunger. Ab September wurden Nahrungsmittel konserviert, Fleisch gepökelt und Getreide »gedarrt« (gedörrt). Im Winter dauerte die Nacht faktisch 16 Stunden. Ohne elektrisches Licht war das Leben auf die Stunden des Tageslichts begrenzt. Man saß zusammen um das schwache Licht des Feuers, reparierte Werkzeug, fertigte Kleidung oder flocht Körbe, während man den Teil der Ernte verwaltete, der dem Lehensherrn als Abgabe zustand. Es war die Zeit, in der man sich Geschichten erzählte und so die Ortsgemeinschaft prägte.
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Die Kluft zwischen den Grafen samt Gefolge und den dienstbaren Bearbeitern von Grund und Boden war gewaltig. Während die einen für Kämpfe, Verträge und Hochzeiten weite Reisen unternahmen, waren die Bauersleute lokal fest gebunden. Oft fehlten ihnen ein Leben lang Zeit, Mittel oder gar die Erlaubnis, sich von ihrem Lebensmittelpunkt mehr als 20 bis 30 Kilometer – die Gehzeit eines einzigen Tages – zu entfernen. Dies schuf eine unauflösliche Identität mit der Scholle, auf der man geboren wurde. Fremde – wie ein reisender Kaufmann, ein Trupp Soldaten oder ein Pilger – waren wie Fenster in eine völlig andere Welt. Nachrichten verbreiteten sich damals nur so schnell, wie ein Pferd galoppieren konnte.
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Diese Lebensweise führte auch dazu, dass für die Menschen die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits hauchdünn war. Hier Gott, dort der Teufel: Krankheiten, Gewitter oder eine gute oder weniger gute Ernte wurden nie als Zufall gewertet, sondern als direkte Belohnung oder Strafe des Himmels. Dies spiegelte sich in der Wahrnehmung der Kirche als ultimativem Schutzraum wider: Die massiven Mauern waren nicht nur für das Gebet da. Sie waren die einzigen Bauwerke, denen man zutraute, sowohl den finsteren Mächten als auch ganz realen, irdischen Feinden standzuhalten.
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Obwohl wir vom ‚deutschsprachigen Raum‘ sprechen, würden wir heute kaum ein Wort verstehen. Man sprach Althochdeutsch oder hierzulande Altsächsisch. Für unsere Ohren klänge es wohl wie eine fremdartige Mischung aus modernem Plattdeutsch, Englisch und Isländisch. Ein Bauer aus dem Harzgau und ein Knecht aus Schweinfurt hätten sich damals nur mit größter Mühe verständigen können. Dennoch war die Sprache die erste zarte Brücke, die anfing, weit entfernte Gebiete und fremde Menschen einander näherzubringen.
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„Edler Rikbert, Ihr gehört zur ersten Generation sächsischer Adeliger, die den Frieden mit dem Frankenreich Karls des Großen festigten. Was könnt Ihr mir aus Euren Tagen erzählen?“
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„Ich kam 785 zur Welt, in jenem Jahr, als Herzog Widukind das Knie vor dem Taufbecken beugte und der lange Widerstand unserer Väter endete. Das alte Blutvergießen ist für mich Geschichte. Heute stehe ich als Graf im Harzgau; ein Land, das unter meiner Hand fränkisch wird und das Kreuz Christi annimmt.“
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„Der Kaiser betraute Euch und Herzog Ekbert mit der Verwaltung Eurer Güter. Ihr seid königliche Amtsträger, doch keine souveränen Herren. Wie sieht Euer Alltag aus?“
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„Mein Dienst ist klar umrissen: Ich halte Gericht im Thing und richte nach dem Gesetz des Königs. Ich führe den Heerbann gegen die Slawen im Osten und wache darüber, dass die sächsischen Sturköpfe ihre alten Götter vergessen und keine geheimen Bünde mehr schmieden. Als Lohn für diese Treue lässt man mir die Freiheit, über mein Eigengut zu gebieten, als wäre der Kaiser fern.“
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Zur Zeit Rikberts I. um 800 lebte selbst ein Graf in einem hölzernen Hallenhaus, dessen Boden teilweise in die kühle Erde gegraben war. Immerhin bot es – im Gegensatz zu den schutzlosen Gehöften seiner Untertanen – Sicherheit durch eine Palisade aus senkrecht gerammten, zugespitzten Baumstämmen. Doch im Inneren war die soziale Trennung noch fern: Rikbert teilte die Wärme und den beißenden Qualm der offenen Feuerstelle mit seinen Knechten und dem Vieh.
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Es dauerte fast zwei Jahrhunderte, bis man zum Schutz nach außen mächtige Erdwälle aufschüttete und sich im Inneren räumlich vom Gesinde abgrenzte. Erst mit dem Einzug des Steinbaus und des gemauerten Kamins, der den Rauch endlich nach draußen führte, wurde aus der verrußten Halle die wehrhafte, komfortable Burg, wie wir sie uns heute vorstellen.
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„Hochwohlgeborene Frederuna von Arneburg, Ihr seid die Urgroßmutter von Heinrich I. von Schweinfurt – dem Ahnen, bei dem sich Judiths und meine Wege kreuzen. Ihr stammt selbst aus dem Hause derer vom Harzgau. Sagt mir: Wie unterscheiden sich die Lebensumstände Eures Vorfahren Rikbert I. vor 130 Jahren von denen Eures Gatten, Bruno II. von Arneburg?“
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„Rikbert stand an der vordersten Front der Unterwerfung. Er musste hier im Harzgau sächsische Aufständische gegen den Franken-Kaiser niederringen und Kirchen bauen, um die Bekehrung der Heiden zu erzwingen. In jenem rauen Kleinkrieg genügte ihm als Bekleidung ein verstärktes Lederwams; neben der Lanze trug er den Sax, unser altes Kurzschwert. Er ritt ein einfaches, zähes Arbeitspferd, das im Unterholz des Harzes gut bestehen konnte.
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Bruno, mein Gemahl, blickt in eine andere Welt. Sein Schwert richtet sich gegen die anstürmenden Ungarn und Slawen von jenseits der Elbe – sächsische Rebellen gibt es in unserem befriedeten Land kaum mehr. In seiner verantwortungsvollen Stellung trägt er die schwere Wehr eines Ritters: das sogenannte Haubert, ein Kettenhemd aus tausenden handvernieteten Ringen, dazu einen Nasalhelm und den großen Drachenschild zum Schutz der Beine. Für den Kampf im offenen Feld steht ihm ein hochgezüchtetes Streitross mit einem Sattel zur Verfügung, der ihm festen Halt bietet.“
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links: Graf Wikbert I., Beamter Karl des Großen im Harzgau um 800
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rechts: Graf Bruno II. von Arneburg, sächsischer Adeliger um 920 (beide erstellt mit KI)
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„Da die zeitliche Abfolge in dieser gemeinsamen Linie mit der heutigen Episode endet, stehe ich vor einer spannenden Entscheidung und bitte Sie, werte Leserinnen und Leser, um Ihre Hilfe. Mit welcher Person / welchem Thema soll ich mich in der nächsten, der 74. Episode, beschäftigen?
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- Mit Kaiser Karl dem Großev (747–814) aus Aachen, meinem 36-facher Urgroßvater und eine der Wurzeln des Abendlandes
- Mit Alois Leopold Zitzmann (1891–1959) aus Wien-Simmering, meinem Schwiegergroßvater – dessen Leben von zwei Weltkriegen gezeichnet ist.
- Das Handwerk der Ahnen: Eine Reise durch die Berufe meiner Vorfahren – von der Werkstatt bis zur Fabrik.
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Was interessiert Sie am meisten? Schreiben Sie mir einfach die Zahl 1, 2 oder 3 ohne oder mit Kommentar!
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Antal Braunecker: Die „Vogtesteu“ war zweifellos ein nettes „Zubrot“ – aber wir können davon ausgehen, daß der Anteil der Bischöfe doch bedeutend höher war. Gibt es darüber Informationen?
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Interessant - und bisher nie gehört/gelesen - die Angaben über die Einwohnerzahlen. Auch wenn es im Jahr 1000 wohl keine Volkszählungen gab (oder doch ?) und die Zahlen damit Schätzungen sind – teilweise erscheinen sie mir doch schon recht hoch. Wenn man davon ausgeht, daß der landwirtschaftliche Ertrag zu einem nennenswerten Teil an die Kirche und die Herren ging, blieb für die Niederen wohl nicht viel übrig. Adipositas dürfte keine Volkskrankheit gewesen sein….
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Egon: Deine Vermutung ist absolut berechtigt. In der mittelalterlichen Hierarchie war die Verteilung der Einnahmen klar geregelt – und der Bischof saß am längeren Hebel. Die „Vogteisteu“ (oder Vogteigebühr) war im Vergleich zum Gesamtaufkommen des Hochstifts tatsächlich eher der „kleinere“ Teil, auch wenn er für den Adeligen persönlich enorm lukrativ war.
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