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Episode 32

27. 12. 2024

Krimkrieg mit Florence Nightingale

»The Lady with the Lamp«

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der Quellen ist unerlässlich. Die genelogischen Unterlagen sammle ich intensiv seit 2008, die allgemeinen historischen Tatsachen recherchiere ich von Woche zu Woche. Ich freue mich sehr, wenn die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
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Die nächste Episode kommt am 17. Jänner 2025.
Ernstine Biechl (Berger) *1905; †1969 - meine Mutter
Louis / Ludwig I Graf von Loon, Burggraf von Mainz *1107; †1171 - 25.-f. Urgroßvater
Florence Nightingale *1820; †1910 - seine 23-fache Urgroßenkelin
Legende für Farben: Österreicher - Deutsche - besondere Merkmale - Engländer
Der Krimkrieg von 1853 bis 1856 war ein militärischer Konflikt zwischen dem Russischen Reich einerseits und dem Osmanischen Reich sowie dessen Verbündeten Frankreich, Großbritannien und seit 1855 auch Sardinien-Piemont andererseits. Er begann als zehnter Russisch-Türkischer Krieg, in den die westeuropäischen Mächte eingriffen, um eine Gebietserweiterung Russlands auf Kosten des geschwächten Osmanischen Reichs zu verhindern. An Verlusten werden auf Seiten der Alliierten rund 220.000, auf russischer Seite 450.000 angegeben.
Bereits 1854 kam es aufgrund der klimatischen und sanitären Bedingungen im osmanischen (heute bulgarischen) Hafen Warna, wo 60.000 britische und französische Soldaten auf ihren Einsatz warteten, zu zahlreichen Krankheitsfällen. Mehr als zwanzig Prozent der britischen Soldaten gingen an Cholera, Dysenterie und anderen Durchfallerkrankungen zugrunde. Mehr als tausend britische Soldaten starben, bevor ihre Einheiten in Kriegshandlungen verwickelt waren. Davon schrieben Kriegsberichts-erstatter per Telegrafie nach England, sodass rasch die Bestürzung über die Situation wuchs.
„Diese schonungslosen Nachrichten rüttelten Dich, liebe Florence, sicher auf.“
„Ich zog auch sofort Konsequenzen und plante eine private Hilfsaktion, wofür ich mir Empfehlungsschreiben vom Innenminister, vom Außenminister und vom Generaldirektor des Royal Army Medical Departments besorgte. Meine diesbezügliche Anfrage bei Sidney Herbert, dem Staatssekretär des Kriegsministeriums, überkreuzte sich mit dessen Ersuchen, mit einer Gruppe von Krankenschwestern im Auftrag der Regierung nach Scutari zu reisen.“
Sidney Herbert
„Mit einem offiziellen Auftrag war also alles viel leichter?“
„Sicher, aber bereits bei der Anreise zum Militärkrankenhaus im türkischen Scutari (dem heutigen Istanbuler Stadtteil Üsküdar) gab es bei den 38 qualifizierten Frauen Reibereien zwischen den Nonnen und den übrigen Schwestern wegen deren Trinkgewohnheiten und anderen Umgangsformen.“
Schlacht der britischen »Leichten Brigade« in Balaklawa am 25. Oktober 1854
„Wenn ich mir ein modernes Militärspital vorstelle, ist das für die Krankenschwestern eine alltägliche Situation im Rahmen ihres Berufs.“
Das entspricht aber in keiner Weise den Zuständen, die wir in Scutari vorfanden. Die Verwundeten und Kranken lagen in rattenverseuchten Stationen und Korridoren. Bei unzureichenden sanitären Einrichtungen standen wegen der vielen Durchfall-Erkrankten zusätzlich einfache Holzeimer, die unerträglich stanken. Viele der Erkrankten litten unter Flöhen und Läusen.“
In den Schlachten von Balaklawa und Inkerman und bei der Einschließung der Truppen in Sewastopol starben mehr Soldaten an Seuchen oder falschen Behandlungs- und Betreuungsmethoden als direkt durch Kampfhandlungen. Die Statistik der britischen Streitkräfte besagt: Von insgesamt 20.813 Toten im Krimkrieg fielen 2755 Soldaten im Kampf, 1761 starben an Verletzungen nach deren medizinischer Versorgung und mit 16.297 die zigfache Anzahl an Seuchen wie Ruhr und Cholera.
„Was hast Du, was habt Ihr dagegen unternommen?“
„Damit kein falscher Eindruck entsteht: ich machte fast nie selber die Arbeit einer Krankenpflegerin. Ich sah es als meine Aufgabe, die notwendigen, hauptsächlich hygienischen Maßnahmen zu erkennen und die Schwestern damit zu beauftragen. Ich führte auch ein strenges Regiment. Keine von ihnen durfte nach 20:30 Uhr eine der Stationen betreten. Das Gelände des Krankenhauses durften sie nur zu dritt oder unter Aufsicht verlassen, die Annahme von Geschenken war ihnen genauso untersagt wie jegliche Verbrüderung mit den Soldaten. Damit machte ich mich nicht beliebt, weder bei den Nonnen, noch bei den hauptberuflichen, noch bei den ehrenamtlichen Schwestern. Die Zusammenarbeit mit den Ärzten organisierte ich so, dass jegliche Pflegeleistung der Schwestern nur im Einvernehmen mit den Ärzten passieren durfte. Die Ärzte waren zunächst skeptisch, weil sie vermuteten, dass ich sie für meinen Freund Sidney Herbert ausspioniere. Aber je mehr Soldaten eingeliefert wurden, desto rascher lernten sie, unsere Hilfe zu schätzen."
„Wie hast Du die verwahrlosten Bedingungen in den Griff bekommen können?"
„Mathematisch begabt machte ich Statistiken, um das Notwendige herauszufiltern und den offiziellen Stellen zu präsentieren. Bei der Umsetzung in die Realität kam mir zugute, dass ich meine Kontakte zu den hochrangigen Freunden und Bekannten in Britannien nützen konnte, um die erforderlichen Mittel für eine Neuausstattung des Spitals zu bekommen. Ich war bekannt und wurde immer bekannter. Etwas idealisiert dargestellt schaute das Ergebnis dann so aus:
„1855 erschien in den »Illustrated London News« ein Bild von mir, wie ich in der Nacht mit einer Lampe in der Hand Patienten besuche. Das brachte mir die Bezeichnung »The Lady with the Lamp«. Auch »Engel von Sewastopol« nannte man mich.“
Zu den entschiedensten Gegnern Nightingales zählte der Beamte, der für die Aus-stattung der britischen Lazarette zuständig war, und der leitende Miltärarzt, der die Leistungen der von Nightingale geleiteten Schwestern in einem offiziellen Bericht in Abrede stellte. Der Bericht enthielt zahlreiche Fehler, sodass ein Fürsprecher im Kriegsministerium dem Bericht Neid und Eifersucht unterstellte und den Kriegsminister dazu veranlasste, Nightingale 1856 in ihrer Funktion zu bestätigen.
„Florence, Du hast Dir doch in der Türkei eine lebensbedrohliche Krankheit zugezogen. War damit Dein pflichtbewusstes Tun zu Ende?“
„Ab 1857 lebte ich als Invalide und erfüllte meine Mission ausschließlich mit Briefen. Mir ging es so schlecht, dass ich sogar den Besuch des britischen Premierministers und der niederländischen Königin absagen musste. Erst 1880 konnte ich wieder größere Strecken zu Fuss bewältigen.“
„Was siehst du jetzt als Dein Lebenswerk an?“
„Trotz der hohen Kosten nahm ich erfolgreich Einfluss auf das britische Sanitätswesen. Ich verlangte, dass die Armen in den sogenannten Arbeitshäusern medizinische Versorgung bekommen. Ich wies darauf hin, dass die Sterblichkeitsrate beim Militär fast doppelt so hoch ist wie bei den zivilen Bürgern. Mein Argument der britischen Regierung gegenüber war, dass die fehlende Rücksichtnahme auf hygienische Verhältnisse ähnlich kriminell wäre, wie jährlich 1100 Mann auf den Salisbury Plain zu führen und dort zu erschießen.
Ich veröffentlichte das Krankenpflegebuch mit mehreren leicht verständlichen Statistiken. Vor allem gründete ich mit öffentlichern Geldern die Nightingale School of Nursing, wo ich auf praxisnahes und nicht nur über Vorträge vermitteltes Lernen bestand.
Wenn die Frauenrechte auch nicht meine erste Priorität waren, forderte ich doch das Wahlrecht für Frauen und unterschrieb zusammen mit 135 anderen Frauen die Petition gegen die Kriminalisierung der Prostituierten bei gleichzeitiger Straffreiheit für deren Kunden.
In Britisch Indien verwies ich einerseits darauf, dass jährlich 6% der 100 britischen Soldaten aus hygie-nischen Ursachen starben. Vor allem aber machte ich die Situation der Inder bekannt, die so arm waren, dass sie Hungersnot litten. In den Jahren 1865 - 1866 starben daran ca. eine Million Inder. Ich veranlasste mit meinen Möglichkeiten der Beziehung zu höchsten Kreisen, dass Kanäle gebaut und die unverschämt teuren Pachtverträge, die an der Situation schuld waren, geändert werden. Der Erfolg dafür war bescheiden, weil auch sehr viele Briten Nutznießer daran waren.“
Hungersnöte in Indien
Quellen: Geni, MyHeritage, Wikipedia, JSTOR, Furche vom 8. Mai 2024
Reaktion zu Episode 32:
Antal: Diese Statistik ist erschütternd und zeigt die Schrecken des Krieges in einem völlig anderen Licht. Dabei hätte man von der eigentlich guten britischen Verwaltung schon erwartet, dass jemand diese Statistiken erstellt, und daraus Schlüsse gezogen werden. Borniertheit? Andererseits: Auch Semmelweis, der den Zusammenhang zwischen Hygiene und Kindbettfieber schon 1847 in einer Studie nachgewiesen hatte, wurde von der etablierten Ärzteschaft verunglimpft, das sei Unfug …
Gerti: Sehr ìnteressant! Ich habe darüber gelesen und Filme gesehen. Vieles davon ist geschönt. Deine Ausführungen sind für mich erklärend und mehr der Wahrheit entsprechend.
Lotte & Norbert: Danke dir sehr für deine interessanten Beiträge oder besser Forschungen. Wichtige und viele Zahlen über die grausamen Kriege nennst du. In keinem Kriegsbericht wird erwähnt, wieviele Menschen durch die entsetzlichen Umstände ihr Leben verlieren. Fein, dass du das aufzeigst, und ein bisschen in den Köpfen ein Nachdenken beginnt.
Die nächste Episode kommt am 17. Jänner 2025.
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