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Episode 44

4. 4. 2025

»Büßerinnenhaus«

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich, obwohl sie von mir manchmal nicht zu 100 % erreicht wird, wie professionelle Hinweise aufdecken. Die genealogischen Unterlagen sammle ich intensiv seit 2008, die allgemeinen historischen Tatsachen recherchiere ich von Woche zu Woche. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
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Otto I der Rotkopf, Herzog von Bayern *1117; †1183 - mein 23-facher Urgroßvater
Albrecht III von Österreich *1348; †1395 - dessen 4-facher Urgroßenkel
Legende für Farben: Deutsche, Österreicher
„Ihre Erlaucht, Herzog Otto I von Bayern, was möchten Sie uns gerne über sich erzählen? Es interessiert mich besonders, weil ich aus Tirol, dem südlichen Nachbarland von Bayern, stamme und weil Sie mein 23-facher Urgroßvater sind.“
„Egon, Du scheinst mir kein Fürst zu sein und das mit der Verwandtschaft kann ich nicht überprüfen. Also: 1156 nach dem Tod meines Vaters wurde ich als Otto VI Pfalzgraf, 1180 als Otto I der Herzog von Bayern. Allerdings war dieses Bayern bei weitem nicht mehr so groß wie früher, als noch die Herzogtümer Kärnten (bis 976), Meranien (bis 1153), Österreich (bis 1156) und Steiermark (bis 1180) zu Bayern gehörten. Wichtig ist mir, dass ich der erste Wittelsbacher als Herzog von Bayern bin.“
Auf der Suche nach Bemerkenswertem fand ich den 4-fachen Urgroßenkel von Otto I von Bayern, nämlich Albrecht III von Österreich.
Im Speziellen entdeckte ich ein Detail aus seinem Leben, das wenig bekannt, aber trotzdem oder gerade deswegen sehr interessant ist. Also frage ich ihn forsch:
„Euer Hochwohlgeboren Herzog Albrecht III, über Sie gibt es so viel Interessantes zu berichten, jetzt aber möchte ich Sie bitten, mir etwas über ein spezielles Thema zu erzählen. 1384 unterzeichneten Sie eine Urkunde, die den Bau eines Büßerinnenhauses für Dirnen mit Zoll– und Mautfreiheit gestattet.“
Bordell im 15. Jahrhundert nach »Meister mit den Bandrollen«
„Ich erinnere mich. Immer versuche ich, neben der Bildung auch für Recht und Ordnung in meinem Herzogtum zu sorgen. Ich setze mich dagegen ein, dass das Treiben der Bordelle und Privatprostituierten so überhandnimmt. Daher schuf ich eine Möglichkeit, Frauen den Ausstieg aus diesem unsittlichen Gewerbe zu erleichtern. Sie sollen nicht in Schande altern und sterben müssen.“
Die Prostituierten des Mittelalters waren zum Teil rechtlos und leibeigen, in künstliche Verschuldung getrieben und zur Zwangsarbeit verpflichtet, doch waren sie andererseits gern gesehene Gäste auf Festen und Umzügen und nahmen so an vielfältigen öffentlichen Veranstaltungen des mittelalterlichen Stadtlebens teil. Die Frauenhäuser waren meist städtisches Eigentum, verpachtet an einen »Frauenwirt«. Der Stadtrat förderte also die Prostitution. Die Rechte und Pflichten der Dirnen wurden in einer Frauenhausordnung geregelt. Diese Ordnungen sahen zum Beispiel vor, dass eine Prostituierte »frei« (das heißt allgemein zugänglich) sein musste und eine gewisse Menge von Kunden pro Tag zu bedienen hatte.
Bereits im Jahr 1306 wurde ein »Seelhaus der Büßerinnen« vom dritten Orden des heiligen Franziskus für »unkeusche, später reuige Frauen« am heutigen Wiener Franziskanerplatz gegründet. Angehörige des »dritten Ordens“ blieben Laien und mussten keine Gelübde ablegen.
„Geschätzter Herzog Albrecht, Sie unterstützten also für Dirnen diese Möglichkeit der Rückkehr in ein normales Leben?“
„Ja, in der Urkunde verfügte ich die Institution eines Hauses zur Unterbringung von »armen freyen frawen, die sich von offenen sundigen unleben ... zu puss und pezzerung begeben wellent«. Dabei sah ich vor, dass diejenigen, die sich in der Frauengemeinschaft untadelig verhalten, heiraten können, ohne dass dies für den Bräutigam ehrenrührig ist. Wer die Büßerinnen wegen ihrer Vergangenheit »schmäht oder betrübt«, soll an Leib und Gut bestraft werden.“
Herzog Albrecht III von Österreich
Die ehemaligen »Hübschlerinnen und Vensterhennen«, wie man die oft aus den Fenstern nach Freiern Ausschau Haltenden auch nannte, mussten in einem Bußhaus nützliche Arbeiten verrichten. Sie durften den Orden nur zwecks Heirat verlassen. Wer gegen die Regeln verstieß, wurde streng bestraft. Eine von ihnen wurde sogar in einen Sack genäht und in der Donau ertränkt.
Beim großen Stadtbrand 1525 wurde das Gebäude zerstört und nur notdürftig renoviert, sodass 1543 nur mehr 10 Frauen dort lebten. Eine von ihnen, die zur »Meisterin« gewählte Juliana Kleberger, stellte angeblich »Räumlichkeiten für Orgien« zur Verfügung. Sie hatte mit dem Ordenspriester Laubinger ein Verhältnis. Der legalisierte dieses durch eine Trauung, die er selbst vornahm. Allerdings mussten die beiden bald ins Gefängnis, weil sie die »Finanzen des Klosters aufgebraucht hatten«.
Quellen:
Myheritage, Geni, Wikipedia, Zeitreisen der Wiener Zeitung Nr. 409 vom 3. Juli 2020
Reaktion zu dieser Episode 44:
Antal: Eine gar köstliche kulturhistorische Abhandlung ! Hut ab vor Herzog Albrecht – eine erstaunlich moderne und tolerante Einstellung !
Liliana: Eine wirklich interessante Episode! Ich bin erstaunt, dass es bereits im Mittelalter Sozialarbeit dieser Art gab. Die Bezeichnung "Frauenwirt" ist eine elegante Bezeichnung für einen Zuhälter. Besonders gefällt mir die authentische Ausdrucks–weise von Herzog Albrecht III. von Österreich. Es fühlt sich an, als wäre man auf einer Zeitreise.
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Egon Biechl Privat