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Episode 77

29.5.2026

Die Schneidigen im Wandel der Zeit

Sollten Sie Wünsche zu bestimmten Ahnen oder Themen für die kommenden Episoden haben, schicken Sie mir bitte einfach eine E-Mail – ich freue mich über jede Anregung. – Erster Erfolg: Antal Braunecker's Intervention führt zu Gedanken über die Schneider.
Mathias Ennsbrunner oo 1693 Maria Pichler; † ? Schneider, Langschlag NÖ
6-facher Urgroßvater meiner Frau Ina Biechl
„Geschätzter Mathias von den Ernstbrunnern, Ihr seid nicht mein Vorfahre, sondern der 6-fache Urgroßvater meiner Frau Ina. Ihr seid kein Tiroler, sondern lebt in Mitterschlag bei Großgerungs im Waldviertel. Weder meine Frau noch ich wissen, wann Du geboren bist, aber dass Du 1693 Maria Pichlerin geheiratet hast und dass Du ein Schneider bist. Erzähl mir bitte etwas über Deinen Beruf!“
„Dein Interesse an meiner Schneiderei gefällt mir sehr. Ich bin ein ansässiger Meister hier in Mitterschlag und ein ordentliches Mitglied der Schneiderzunft in Zwettl. Dort habe ich meine Meisterprüfung abgelegt. Neben dem »Gewerbpfennig«, den ich an die Herrschaft unseres Grafen Georg Reichard von Mallenthein entrichten muss, bezahle ich auch treu meine Zunftgebühr. Diese deckt die sozialen Nöte meiner Zunftkollegen ab und schützt uns rechtlich gegen die illegalen »Störschneider« – jene armen Keuschler, die von Hof zu Hof ziehen, dort tagelang leben und den Bauern billig die Kleidung nähen, ohne jemals Steuern oder Zunftgeld gezahlt zu haben!“
„Was habt Ihr, die ansässigen Schneider im Waldviertel, genäht?“
„Wir sind keine Luxusschneider, wie es sie in Wien, Prag, Brünn, Graz oder Innsbruck gibt, die mit Brokat und Seidenfäden für die großen Herren arbeiten. Ich fertige aus grobem Loden und Schafwolle dicke, wetterfeste Röcke und Mäntel, damit die Bauersleut' die harten Waldviertler Winter überstehen. Aus dem lokal gewebten Flachsleinen schneidere ich ehrbare Hemden und Hosen für den Alltag. Und für die Festtage? Da verarbeite ich den kostbaren, mit echtem Indigo gefärbten und weiß gemusterten Blaudruck – das ist der ganze Stolz unserer ländlichen Gemeinde!“
Die Geschichte des Blaudrucks in Europa begann mit dem Import von Indigo aus Indien. Zunächst teuer auf dem Landweg eingeführt, brachten holländische Seefahrer ab dem frühen 17. Jahrhundert große Mengen der getrockneten Farbstoffblöcke nach Europa. Da Indigo eine dreißigmal höhere Färbekraft besaß als der heimische Färberwaid, stiegen die Färber massiv um.
Europäische Fürsten versuchten panisch, das heimische Waid-Monopol – das Regionen wie Thüringen unermesslichen Reichtum beschert hatte – zu schützen. Sie verboten den Import teilweise unter Todesstrafe; in Nürnberg wurde Indigo gar als »Teufelsfarbe« verdammt. Doch der Schmuggel blühte. Gegen die Leuchtkraft und den günstigen Preis halfen keine Gesetze: Um 1670/1680 brachen die Verbote zusammen, und die Waid-Industrie ging unter. Eine Billig-Schwemme aus mittelamerikanischen Kolonien um 1690 machte Indigo schließlich so erschwinglich, dass der Blaudruck auch im Waldviertel Einzug halten konnte.
Das Geheimnis des Blaudrucks liegt im sogenannten „Papp“ – einer klebrigen Masse aus Gummiarabikum, Ton und Salzen. Diese wird mit hölzernen Stempeln (Modeln) als Muster auf den Stoff gedruckt. Sie schützt das Gewebe im Indigo-Färbebad. Wird der Papp danach abgewaschen, erstrahlt das geschützte Muster in reinem Weiß.
Anton Ginner *1724: †1789 – Schneider, Thaur, Tirol
mein 4-facher Urgroßvater väterlicherseits
„Ehrenwerter Anton aus meiner väterlichen, historisch bekannten Familie der Ginner. Ihr habt doch auch die Ausbildung zum Schneider gemacht. Wie läuft so etwas ab?“
„Die Zunft der Schneider in der reichen Salinenstadt Hall hat strenge Regeln. Die rigorose Voraussetzung für meine Ausbildung war, dass meine Eltern, Georg, geboren 1690, und Christiana, geboren 1701, bei meiner Geburt verehelicht waren. Als ich mit 12 Jahren anfing, musste ich, versehen mit einem elterlichen Lehrgeld, zu einem Schneidermeister nach Hall ziehen. Der musste sich im Gegenzug dazu verpflichten, mich zu verpflegen und mir einen christlichen Lebenswandel beizubringen. Die Lehrzeit dauerte vier Jahre, wobei die ersten Monate als »Mutzeit« galten. Ich lernte, die Werkzeuge – Nadel, Schere und schweres Bügeleisen – zu beherrschen, die Stoffe zuzuschneiden und die verschiedenen Nähtechniken anzuwenden. Nebenbei wurde ich oft für Hausarbeiten in der Familie meines Meisters eingespannt. Am Ende freute ich mich riesig über die offizielle »Freisprechung« vor der versammelten Zunftlade.“
„Das war aber doch nicht alles. Was waren die Voraussetzungen, hier in Thaur Schneidermeister zu werden?“
„Richtig, mit meiner Gesellenprüfung war ich noch kein freier Mann. Als frischgebackener Geselle gebot mir die Zunftordnung, meine Siebensachen zu packen und auf die dreijährige Wanderschaft – die Walz – zu gehen. Ich durfte mich in dieser Zeit meiner ursprünglichen Heimat nicht nähern, um anderswo neue Schnitte und Moden zu lernen. Ich machte das zuerst in München und dann in Wien, wo ich mir mein Wohlverhalten in den jeweiligen Stationen akribisch im Wanderbuch eintragen ließ. Erst nach meiner Rückkehr konnte ich um das teure Meisterrecht ansuchen. Mittlerweile jedoch musste ich noch drei Jahre – bei manchen meiner Kollegen dauerte es mehr als zehn Jahre – bei einem ansässigen Meister als Altgeselle arbeiten, bis für mich die Meisterschaftssperre oder sogenannte »Meitelsperre« zum Schutz der existierenden Schneidereien aufgehoben wurde.“
„Und wie lief die endgültige Prüfung zum Meister ab?
„Unter strenger Aufsicht von Zunftgeschworenen musste ich als Meisterstück ein Prunkgewand aus einem knapp bemessenen Stück teuren Stoffes fehlerfrei und ohne Verschnitt anfertigen. Ich hatte ein Messgewand in Form einer Bassgeige gewählt. Das war aber nur die Voraussetzung. Nun folgte der finanzielle Kraftakt: Ich musste das Meistergeld an die Zunft zahlen, ein Bürgerrecht der Stadt Hall erwerben, was mich wiederum Geld kostete, und ein prachtvolles Meisteressen für alle Zunftmitglieder finanzieren. Erst als mein Name in das Zunftbuch eingetragen war, durfte ich meine eigene Werkstatt in Thaur eröffnen, um dort im Namen der Haller Zunft Aufträge anzunehmen und selber Lehrlinge auszubilden.“
Jan Berger *1771; †1829 – Schneider, Uherské Hradiště, Mähren
mein 3-facher Urgroßvater mütterlicherseits
Mein 10-facher Urgroßvater, der Ritter Jan Václav Kryštof Berger z Bergu, wurde um 1590 in Prag geboren. Er war der erste von unserem Geschlecht, der im Offiziersrang von dort nach Uherské Hradiště, der hochgradig wehrhaften, umkämpften und strategisch überlebenswichtigen Grenzfestung der habsburgischen Monarchie gegen die Osmanen umzog. Seither leben die Bergers in dieser Stadt. Jan Berger, von dem hier die Rede ist, ist der letzte von unserem Geschlecht, der hier, in der mittlerweile zum Kultur- und Marktzentrum entwickelten Kreishauptstadt Uherské Hradiště, lebt und als Schneider arbeitet.
„Geschätzter Jan, ich weiß sehr wohl, dass die Bergers seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr im Adelsstand »z Bergu« stehen. Ich weiß aber nicht, womit sich unsere gemeinsamen Vorfahren danach am Leben hielten. Von Euch erfahre ich nun als Erstem, welchen Beruf Ihr tatsächlich ausübt. Sagt, gefällt er Euch?“
„Mit meiner hochangesehenen Herkunft und dem Wohnsitz in Uherské Hradiště – wo sich, ganz wie von Dir für Hall in Tirol geschildert, die Hauptlade der Schneiderzunft befindet – war es für mich ein Leichtes, eine Schneiderwerkstatt zu übernehmen. Meine Situation in der mährischen Arbeitswelt behagt mir sehr. Insbesondere deshalb, weil ich hier weder durch die Viertelladenschneider der umliegenden Dörfer noch durch die heraufdämmernde Industrialisierung der Textilindustrie beeinträchtigt werde.
Auch die hochspezialisierte Arbeit selbst bereitet mir große Freude: Wir nähen hier die traditionelle mährische Volkstracht, die sich durch reiche Stickereien auszeichnet, welche die Frauen des Hauses nachträglich in kunstvoller Heimarbeit anbringen.“
„Werter Jan, was lässt Euch eigentlich so unbekümmert bleiben, obwohl die Textilindustrie gerade hier in Mähren so rasant wächst und das alte Handwerk bedroht?“
„Weil dieser Sturm nicht hier bei uns wütet, sondern gut siebzig Kilometer weiter westlich, in Brünn. Dort – und nicht in unserer ehrwürdigen Zunftstadt – wurden schon vor Jahrzehnten unter Kaiserin Maria Theresia und Joseph II. die Zunftregeln gelockert, um Großbetriebe zu fördern. Unternehmer aus dem Ausland, wie die Familie Offermann aus Deutschland, haben dort riesige Manufakturen errichtet. Jetzt, um 1800, ist Brünn bereits zum mächtigsten Textilstandort der gesamten Habsburgermonarchie herangewachsen.
Es winden sich dort erstaunliche Geschichten: Als Napoleon erst kürzlich, im Jahre 1805, kurz vor der Schlacht bei Austerlitz, mährischen Boden betrat, nutzte die Witwe des Brünner Textilbarons Offermann die Gunst der Stunde. Sie belieferte die französischen Truppen kurzerhand mit wärmenden Stoffen für ihre Uniformen. Zum Dank bauten französische Soldaten ihrer Fabrik sogar zwei neue Flügel an! Der Betrieb soll schlagartig auf tausend Arbeiter angewachsen sein.
Ihr seht also: Während jene Textilbarone im nahen Brünn mit ihrer Massenware bereits Millionen scheffeln, ist meine Welt hier in der Provinz noch vollkommen in Ordnung. Gewiss, man hört bereits munkeln, dass dort drüben bald neuartige, mechanische Spinn- und Dampfmaschinen Einzug halten sollen. Manche prophezeien gar, dass in einigen Jahrzehnten die Fabrikschornsteine im Brünner Stadtteil Cejl wie Pilze aus dem Boden schießen und man die Stadt einst das ‚Mährische Manchester‘ nennen wird. Doch das ist Zukunftsmusik. Für einen hochangesehenen Schneider, der sein Handwerk versteht, ist die Gegenwart noch sicher.“
Rosa Horak 1911; †2011 - Schneiderin in Wien
Schwiegermutter meiner Frau Ina Biechl, gesch. Horak, geb. Weißinger
Rosa Horak und ihre Hochzeitskleider für Ina
Wie lebendig das Handwerk des Schneiderns im Wien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, zeigt ein Blick in die unmittelbare Familiengeschichte: Als Ina im Jahr 1967 ihren ersten Mann, Franz Horak, heiratete, steuerte ihre Schwiegermutter, die liebevoll »Roserl« genannt wurde, ihr ganzes Können bei. Roserl hatte das Schneiderhandwerk noch von der Pike auf gelernt. Wie es zu dieser Zeit für viele verheiratete Frauen üblich war, übte sie ihren Beruf in Heimarbeit von zu Hause aus. Mit unendlich viel Geschick und Liebe zum Detail fertigte sie damals unter anderem auch Inas Brautkleider an – bleibende Zeugnisse einer Epoche, in der Festtagsmode noch durch echte, meisterhafte Handarbeit entstand.
„Liebes Roserl, obwohl wir nicht die allernächsten Verwandten sind, haben wir einander immer gern gehabt. Deshalb fällt es mir auch überhaupt nicht schwer, mit Dir über Deinen Beruf zu sprechen – und insbesondere über die Hochzeits–kleider, die Du 1967 für Ina angefertigt hast. Ina, die ja jetzt meine Frau ist, bewundert Dich nach wie vor für diese Arbeit, wie sie mir oft erzählt.“
„Egon, bestimmt kannst auch Du Dir vorstellen, dass meine Berufsehre als Schneiderin bei diesen Kleidern absolut exzellente Qualität erforderte. Und es ist mir tatsächlich gelungen.“
„Du hast Dich ja noch vor Deiner Hochzeit mit Franz im Jahr 1935 zur Damenschneiderin ausbilden lassen. Was kannst Du mir denn aus dieser Zeit über Deinen Beruf erzählen?“
„Ich war einfach begeistert, das Schneiderhandwerk hier in der Modemetropole Wien von der Pike auf gelernt zu haben. Bis heute bin ich stolz auf meine beruflichen Kenntnisse.“
„Zu Beginn der 1930er Jahre litt das Wiener Schneidergewerbe massiv unter der Weltwirtschaftskrise. Wie bist Du damit zurande gekommen?“
„In der Inneren Stadt gab es viele luxuriöse Modesalons, die das gehobene Bürgertum und internationale Gäste betreuten. Die Herrenschneider waren in Werkstätten organisiert, aber wir normalen Damenschneider und -schneiderinnen arbeiteten zu Tausenden in winzigen Wohnungen zu extrem niedrigen Akkordlöhnen. Wenn wir auch abseits der Nobelsalons unser Dasein fristen mussten, arbeitete ich, ehrgeizig wie ich bin, oft kreativer, folgte den Pariser Modetrends und fühlte mich dem »Wiener Schick« verbunden. Allerdings waren die guten Stoffe meist irrsinnig teuer, sodass meinem Eifer schon von dieser Seite ein Riegel vorgeschoben war.“
„Gerade der Anschluss 1938 und der Zweite Weltkrieg änderten vieles im Bereich der Schneiderei. Was kannst Du mir heute, wo wir ganz offen und ohne Tabus auf diese Zeit zurückblicken können, darüber erzählen?“
„Da viele der besten Wiener Modesalons und Stoffhäuser in jüdischem Besitz waren, wurden sie arisiert und die Besitzer vertrieben oder ermordet. Das versetzte der Wiener Mode nicht nur kreativ, sondern existenziell einen irreparablen Stoß. Stoffe wurden über Bezugsscheine rationiert und unser Beruf bestand fast nur noch aus dem Umändern alter Kleidungsstücke, dem »Wenden« von Mänteln, dem Flicken oder dem Nähen von Uniformen.“
„Was änderte das Kriegsende 1945?“
„Wir nähten Kleidung aus alten Militärdecken, Fallschirmseide oder Vorhängen. Das Handwerk war überlebenswichtig, bezahlt wurde oft in Naturalien oder auf dem Schwarzmarkt. Manchmal erhielt ich den einen oder anderen Stoffrest geschenkt. Oft nähte ich daraus Gratiskleidungsstücke, speziell für Kinder. Für sie strickte ich manchmal sogar Socken.“
„Wie wirkte sich die Zeit des Wirtschaftswunders in den 1950er & 1960er Jahren aus?“
„Das Handwerk blühte noch einmal kurz auf. Die Menschen wollten wieder »schön sein«. Sie wollten »ihre« Schneiderin haben, die für besondere Anlässe wie Sponsionen, Hochzeiten oder Bälle nähte. Bald danach jedoch setzte sich die Konfektionsware – Kleidung von der Stange in Standardgrößen – endgültig durch, weil große Textilfabriken schneller und viel billiger produzierten, als es ein Handwerker je konnte.“
Reaktion zu Episode 76:
Antal Braunegger: Danke für Deine akribischen Recherchen über die angewandten Techniken bei der Erzeugung von Vormaterial für Kleidung aller Art.
Erstaunlich für mich der Grad der eigentlich erst im 19. Jhdt. so richtig aufkommenden Arbeitsteilung, wie Du sie bei der Leinenweberei im 17. Jhdt. beschreibst.
Daß es dann „Spezialbetriebe“ für die verschiedenen Verschönerungsschritte der Stoffe gab, ist da eigentlich eine klare Konsequenz.
Fehlt nur noch der letzte Schritt – Design und Schneidern der fertigen Kleidungsstücke. Hast Du da vielleicht auch Vorfahren?
Jedenfalls viel spannender als die Wegwerfleiberln heute!
Judith Laengerer-Wells: Hier kamen Erinnerungen hoch. Wir haben meinen Grossvater in der Fabrik auf der Hallerstrasse öfters besucht und ich war fasziniert von den Fabriksräumen und den vielen grossen Kesseln mit blauer Farbe. Komisch, habe nie mehr daran gedacht, vor allem, da ich damals ca. 3 oder 4 Jahre alt war und die Erinnerungen an diese jungen Jahre sehr spärlich sind.
Kurth Bodo Blind: Eine Auswanderung nach Preußen, vor allem dann, wenn man evangelisch war, ist bekannt, aber von Preußen nach Wien. Na, was es nicht alles gibt!