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Episode 35

31. 1. 2025

Hexenjagd

Genealogie ist eine Herausforderung, angesiedelt zwischen Sucht, Frust und für mich auch Lust. Die Authentizität der vielfältigen Quellen ist unerlässlich. Die genealogischen Unterlagen sammle ich intensiv seit 2008, die allgemeinen historischen Tatsachen recherchiere ich von Woche zu Woche. Ich freue mich sehr, wenn auch die Leserinnen und Leser dieser Geschichten sie interessant finden.
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Ernestine Biechl (Berger) *1905; †1969 - meine Mutter
Konrad II von Plain-Hardegg *1185; †1250 - mein 21-facher Urgroßvater
Karl V von Habsburg, König von Spanien und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches
*1500; †1558 - sein 10-facher Urgroßenkel
Legende für Farben: Österreicher - Westeuropäer - besondere Merkmale
„Liebe Mama, was machtest Du, evakuiert im Tiroler Ötztal, in den Kriegs- und Nachkriegszeiten?“
„Ich bin fast blind und Dein Vater ist nach einer Beinamputation Invalide. Wir sind arm. Damit ich etwas zu unserem Unterhalt beitrage, »legte ich Karten«. Damit sagte ich unseren Nachbarinnen die Zukunft voraus. Die gaben mir dafür Butter und Milch.“
„Das ist ja nichts wirklich Außergewöhnliches.“
„Du hast recht. Ich war nur etwas befremdet, dass man mich deswegen »Hexe« nannte.“
„Damit sind wir also beim Thema.“
Erna Biechl, geb. Berger
Karl V von Habsburg
„Kaiser Karl, ich bin ein entfernter Verwandter von Ihnen. Seien so nett und erzählen Sie mir etwas über sich!“
(Anmerkung: Ich folgte der Anregung, mit meinen Ahnen etwas respektvoller umzugehen.)
„Ich bin beeindruckt von Deiner Verbindung zu mir. Wenn es Dich also interessiert, mache ich das gerne, wie Du Dir vorstellen kannst.
Ich bin in Belgien geboren und war bereits als Sechs-jähriger Herzog von Burgund. Mit sechzehn war ich Herr des niederländischen Habsburgerreiches und als »Carlos I« König von Spanien. Als Neunzehnjähriger erbte ich das Erzherzogtum Österreich und wurde als Karl V zum König des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewählt. Im Jahr 1530 wurde ich von Papst Clemens II zum Kaiser gekrönt. Alles klar?“
„Was ist das Wichtigste, was Sie während Ihrer Regentschaft erreicht haben?“
„Das ist ganz eindeutig die »Constitutio Criminalis Carolina«, das erste allgemeine deutsche Strafgesetzbuch, das ich 1532 ratifizierte.“
„Die Ausführungen in der »Carolina« vereinheitlichen tatsächlich das geltende Recht und hören sich sehr modern an.“
„Ja, wir machen nämlich bei der Schuldfrage Unterschiede zwischen bloßer Teilnahme, Versuchsstrafbarkeit und Schuldunfähigkeit. Bei Jugendlichen muss außerdem die Zurechnungsfähigkeit gesondert geprüft werden. Bis zum siebten Lebensjahr gelten Beschuldigte als strafunmündig, bis zum vierzehnten sind sie nur bedingt strafmündig.“
„Aber diese »Peinliche Halsgerichtsordnung« gilt auch als «Theater des Schreckens«, da sie sehr grausame Züge wie Folter und verschiedene Hinrichtungsmethoden enthält.“
„Ich konnte doch die Ausage »die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen«, enthalten im Alten Testament der Bibel, nicht einfach vergessen. Was noch viel wichtiger ist, es gibt auch die »Hexenbulle«, die 1484 von Papst Innozenz VIII unterzeichnet wurde, und den «Hexenhammer« des Dominikaners Heinrich Kramer zur Legitimation der Hexenverfolgung aus dem Jahr 1486. Ohnehin läuft alles in ordentlchen, wohldurchdachten Bahnen.“
„Das klingt zwar recht gut, aber es gibt Ausnahmeregelungen für Richter, die nach eigenem Gutdünken entscheiden können und es auch tun.“
„Glaubst Du tatsächlich, dass ich »mir nichts, dir nichts« gegen das Gewohnheitsrecht entscheiden könnte?“
Hexentanzplatz in Trier (Flugblatt, 1594)
Zwischen 1570 und 1610 gab es schrumpfende Ernteerträge, schwere Hagelschäden und dadurch eine enorme Teuerungswelle. Hungersnöte und Pestepidemien waren die Folge. Anstatt auf Zusammenhalt zu bauen, suchte man nach Schuldigen. So denunzierten oft irgendwelche Nachbarn meist mittellose Frauen der Unterschicht als Hexen. Plötzlich traf es aber auch reiche Witwen, die Opfer der Habgierwurden. Sie wurden der Hexerei beschuldigt und hingerichtet. Indirekt waren auch Kerkermeister von derselben Strafe betroffen, die »Hexen« im Gefängnis missbraucht hatten.
In der »Constitutio Criminalis Carolina« Karls V steht als Verbrechen neben Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Brandstiftung, Münzfälscherei auch Zauberei, »sofern dabei anderen Schaden entstanden ist«.
All denen drohten verschiedene Hinrichtungsmethoden wie Verbrennen, Enthaupten, Vierteilen, Rädern, Hängen, Ertränken, Pfählen und Lebendig Begraben. Wer von den Angeklagten einen Tag der Folter überstanden hatte, wurde theoretisch für unschuldig gehalten. Praktisch ging jedoch die grausame Folter weiter, bis alle Anschuldigungen «aufrichtig« eingestanden und bestätigt worden waren. Oft wurden sogar die Namen von vermeintlichen Mittäterinnen und/oder Mittätern auf diese Weise herausgeprügelt.
Natürlich gab es auch in Wien Hinrichtungen von Hexen. Eine von ihnen war Elisabeth Plainacher, deren Tochter, verheiratet mit einem gewalttätigen Säufer, drei Kinder verlor und eines mit epileptischen Anfällen der Großmutter überließ, bevor sie starb.
Diesem etwa 16-jährigen Mädchen wurden mit diversen Foltermethoden die »Dämonen ausgetrieben«. Ihre Großmutter bezichtigte man der Hexerei und verurteilte sie zur Hinrichtung durch Verbrennen (Ob das tatsächlch die schlimmste Strafe war, das brachte ich nie in Erfahrung, da ich kein Zeitzeuge war.) auf der »Gänseweide unter den Weißgerbern« (der heutigen Weißgerberlände).
Es gilt zu beachten, dass die Hexenprozesse im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, denen zwischen 1550 und 1650 zirka 50.000 Menschen zum Opfer fielen, nicht primär eine Angelegenheit der katholischen Kirche, wie oft behauptet wird, waren. Auch die Reformatoren erwiesen sich oft als Betreiber der Hexenverfolgung.
Eine Weltkarte des deutschen Hilfswerks »missio« markiert 44 Länder, wo Frauen, Kinder und Männer immer noch in Gefahr sind, als Hexen stigmatisiert, gefoltert und getötet zu werden. Dazu gehören Mexiko, Mali, Nigeria, Tansania, Saudi-Arabien und Papua-Neuguinea. Allein in diesem ozeanischen Land sind in den letzten 20 Jahren zirka 1500 Hexenprozesse dokumentiert.
Quellen: Geni, MyHeritage, Wikipedia, Wiener Zeitung vom 2. 10. 2015 und vom 5. 5. 2017, Die Furche vom 31. 8. 2023 und Salzburger Nachrichten vom 6. 4. 2024
Reaktion zur Episode 33 - Madame de Pombadour
Antal: Nun, da der gute Louis (oder Ludwig) gerade erst geboren war, kann man ihm nicht nachsagen, er habe bei den frühen Toden seines Vaters und Großvaters nachgeholfen, um den Thron von Louis XIV zu erben. Obwohl – es könnten ja auch andere Kräfte rund um den Hof beteiligt gewesen sein, das waren ja immer Schlangengruben.
Interessant, daß die Pompadour die frühen Aufklärer so fördern durfte – die französischen Könige waren den Gedanken der Aufklärung ja nicht gerade zugetan ….
Reaktion zure Episode 34 - Bertha und Alexander
Antal: Gefällt mir sehr gut, wie Du bei historischen Personen das Private in das Historische einwebst. Wie kommst Du an die privaten „Histörchen“ ran ? Steht ja wohl eher nicht in Wikipedia, oder? Und unglaublich mit wie vielen Größen der Menschheitsgeschichte Du verwandt bist - da musst Du wohl selber auch sehr, sehr wichtig sein.
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