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Episode 60

3.10.2025

Der englische Sheriff als "Knight"

Diese Episoden schreibe ich sehr gerne. Mein Plan ist, dass sie künftig nur mehr vierzehntägig erscheinen. Die eine Woche dazwischen will ich – auch gerne – an einer Biografie schreiben. Ich vertraue jetzt und künftig auf ihre Einsicht und Ihr Wohlwollen.
Alois Biechl *1899; †1979 mein Vater
Hilda Kratzer (Biechl) *1928; †2021 meine Cousine
Judith Gitterle (Wells) *1956 ihre Tochter
Justinian Holden *1625; †1691 Immigrant aus England
Judiths 7-facher Urgroßvater
Thomas de Lewknor *1392; †1452 Knight und Sheriff von Sussex und Surrey
Judiths 15-facher Urgroßvater
Legende für Farben: Österreicher Amerikaner Engländer besondere Merkmale
„Liebe Judith, acht Generationen zwischen Thomas de Lewknor und Justinian Holden, sind noch zu wenig, um unseren gemeinsamen Ahnen zu finden. Wir brauchen noch Geduld, sind aber auf dem besten Weg dorthin.“
„Du kannst mir viel erzählen, aber wenn sich unsere Linien nicht um 1400 treffen, wann dann?“
Wappen der Lewknors
„Sir Thomas de Lewknor, meine Ahnenforschung zeigt, dass Sie 1415 als 23-Jähriger in der unvergessenen Schlacht von Azincourt dabei waren. Würden Sie mir etwas über sich und Ihre Vorfahren erzählen?“
„Ah, als Mittel zum Zweck benutzt Du mich also! Nun, emotional bleibt einem von 600 Jahren nicht viel übrig. Trotzdem, ich mache es gern. Vielleicht erzählst Du mir im Gegenzug etwas über Deine Zeit. Das wäre sicher ein hochinteressanter Austausch!“
„Was war der Anlass für die Ernennung zum Sheriff von Sussex und Surrey?"
„Die Familientradition. Meine Ahnen dienten dem König schon seit vielen Generationen als Sheriffs und Knights. Mein besonderer Stolz ist, dass ich beide Rollen vereinen konnte: Mit nur 20 Jahren war ich bereits Knight of the Shire, und mit 26, von 1418 bis 1419, wurde ich zum Sheriff dieser beiden Grafschaften ernannt. Dabei half mir allerdings auch mein beträchtlicher Reichtum. Ich erbte von meiner Großmutter die Besitztümer der Familie d'Oyly, der Lords Raunton in Staffordshire, Northampton und Sussex. Diese Ländereien machten mich vermögender als meinen Vater und verschafften mir das nötige Prestige für solch hohe Ämter.“
„Was genau unterscheidet das Amt eines Knights von dem eines Sheriffs?“
„Es handelt sich um zwei sehr unterschiedliche Rollen.
  • Ein Knight of the Shire ist eine gewählte politische Rolle: Er wird von der Grafschaft ernannt, um die lokalen Interessen und Beschwerden vor dem Parlament zu vertreten und dort insbesondere bei der Gesetzgebung und der Festsetzung der Steuern mitzuwirken. Das geht weit über den militärischen Rang des einfachen Knights – eines hochtrainierten und schwer gerüsteten Kriegers – hinaus.“
  • Der Sheriff ist der ranghöchste Beamte der Grafschaft und die direkte Brücke zur Krone. Er ist für die gesamte Exekutive zuständig: eine Mischung aus oberstem Verwaltungsbeamten, Leiter der Steuerbehörde und Chef der lokalen Gerichtsbarkeit und Polizei. Er ist der mächtigste Mann vor Ort.
König Karl VI. von Frankreich, der Wahnsinnige
König Heinrich V. von England
Zum Verständnis der Schlacht von Azincourt 1415, an der Thomas von Lewknor teilnahm, einige Umstände, die zu diesem Kampf führten:
1. Der dynastische Thronfolgestreit
Der Konflikt begann im Jahr 1328 mit dem Tod des französischen Königs Karl IV., der ohne männlichen Erben starb. Da die Salische Erbfolge Frauen von der Thronfolge ausschloss, wählte der französische Adel Philipp von Valois zum neuen König.
Den formalen Anspruch auf die französische Krone allerdings erhob der englische König Eduard III., dessen Mutter Karls Schwester war. Er hatte die Ambition, eine englisch-französische Doppelmonarchie zu errichten.

2. Ausbruch des Hundertjährigen Krieges und die frühen englischen Triumphe
Dieser Krieg dauerte von 1337 bis 1453. Den unmittelbaren Auslöser lieferte Philipp VI. im Jahr 1337, indem er das Herzogtum Aquitanien (die englische Region in der Gascogne) konfiszierte. Dieses Gebiet wurde vom englischen König als Vasall des französischen Königs gehalten. Daraufhin ernannte sich Eduard III. im Jahr 1340 selbst zum König von Frankreich.
Die Engländer erzielten in den folgenden Jahren überraschende Siege:
  • 1346 – Schlacht bei Crécy: Das zahlenmäßig stark unterlegene englische Heer errang dank des taktischen Einsatzes seiner Langbogenschützen einen überwältigenden Sieg.
  • 1356 – Schlacht bei Maupertuis (Poitiers): Ein weiterer englischer Triumph, bei dem sogar der französische König in Gefangenschaft geriet.
3. Rückzug und späte Eskalation
Im Jahr 1360 verzichtete Eduard III. zwar auf seinen Anspruch auf den französischen Thron, forderte jedoch erfolgreich die volle Souveränität über weite Gebiete wie Guyenne, Gascogne, Poitou und Limousin. Die Franzosen konnten fast alle dieser Gebiete bis 1386 zurückerobern. Der Konflikt flammte jedoch erneut auf, als der neue englische König Heinrich V. im Jahr 1415 beschloss, seine Gebietsansprüche vom französischen Widerpart Karl VI., der den Zusatznamen »Der Wahninnige« nicht zu Unrecht trug und oftmals hilflos war, erneut einzufordern.
„Bei der Auseinandersetzung von 1415, als Ihr auf französisches Festland übersetztet, warst auch Du, der Knight of the Shires, in Deiner ursprünglichen militärischen Position als Knight dabei. Wie war das für Dich?“
„Als Adelige in meiner politischen Stellung waren wir dazu verpflichtet, den König im Feld zu vertreten. Dabei kamen wir der einfachen Unterschicht — den tapferen Langbogenschützen und Söldnern — so nah, wie es in unseren Palästen und Gerichtssälen undenkbar gewesen wäre. Für mich war das einerseits eine neue und interessante Erfahrung, aber sowohl in der Führung der Männer als auch im Kampf selbst eine enorme Herausforderung.“
„Wie erfolgreich wart Ihr nach Eurer Landung an der Mündung der Seine?“
„Unser primäres Ziel war die Hafenstadt Harfleur. Der Angriff mit unserer Armee von 11.000 bis 12.000 Mann – bestehend aus etwa einem Fünftel eigentlicher Krieger, der stark gepanzerten »Men-at-Arms« und dem Rest Bogenschützen – traf auf eine relativ kleine französische Garnison von nur zirka 400 Soldaten. Die Belagerung selbst war daher militärisch gesehen leicht, zumal der Großteil des französischen Heeres zu diesem Zeitpunkt noch in internen Konflikten verstrickt war und uns zunächst ignorierte. Allerdings war der Erfolg teuer erkauft: Wir verloren in Harfleur beinahe ein Drittel unserer Mannschaft. Tausende starben an der Ruhr (Dysenterie) oder mussten krankheitsbedingt dauerhaft nach England heimgeschickt werden.“
„Die Einnahme von Harfleur mit 5.000 Einwohnern allein konnte nicht zeigen, dass König Heinrich V. Anspruch auf den französischen Thron hatte, oder?“
„Ganz richtig. Wir zogen also einerseits aus strategischen Gründen nordwärts in das von uns kontrollierte Gebiet von Calais, um uns dort zu reorganisieren und zu verproviantisieren, notfalls auch nach England zu evakuieren. Darüber hinaus aber demonstrierten wir mit diesem forcierten Marsch bewusst den Anspruch und die Fähigkeit Heinrich V., den französischen Boden zu beherrschen.“
„Wurde das als Bestätigung Eurer Entschlossenheit gesehen.“
„Ja, jetzt fühlten sich die Franzosen tatsächlich bedroht. Zwar war Frankreich durch den Bürgerkrieg zwischen den Fraktionen Armagnac und Burgund geschwächt, doch die gesamte militärische Elite des Landes sammelte sich, um uns aufzuhalten. Die französische Armee stellte sich uns bei Azincourt entgegen und war uns zahlenmäßig weit überlegen. Selbst nach konservativen Schätzungen war sie mindestens doppelt so groß wie unsere 9.000-köpfige Streitmacht. Indem wir uns diesem enormen, hochmotivierten Feind stellten, unterstrichen wir den Anspruch von Heinrich V. und seine göttliche Legitimation.“
„Und wie war Eure Strategie bei der Schlacht von Azincourt?“
„Unsere Feldherren wählten eine durch Wälder begrenzte Enge, um zu verhindern, dass die Franzosen ihre gewaltige Übermacht durch Einkesselung nutzen konnten. Der kurz zuvor gepflügte Boden war morastig und behinderte die schwer gepanzerten Waffenknechte und vor allem die Kavallerie der Franzosen sehr.
Wir positionierten unsere Langbogenschützen – unsere leichte Infanterie - an den Flanken, geschützt durch 1,80 m lange Pfähle (Palings), die sie gegen den Feind gerichtet in den Boden rammten. Diese Truppe war darauf getrimmt, einen blitzschnellen Pfeilhagel auf die dichten Reihen des Feindes zu schießen.
Wir, die gepanzerten Waffenknechte, kämpften – bewusst abgesessen von unseren Rössern – und bildeten in der Mitte eine unbewegliche Front. Als die ersten französischen Reihen unsere Linie erreichten, waren sie bereits ungeordnet, ermüdet und demoralisiert vom Marsch durch den Schlamm und vom Pfeilbeschuss. Wir Waffenknechte mussten sie nur noch aufhalten, während die Bogenschützen mit Äxten und Dolchen in den Nahkampf übergingen. So sicherten wir uns den eindeutigen Sieg.“
Engländer gegen Franzosen bei der Schlacht von Azincourt 1415 im 100-jährigen Krieg
„Liebe Judith – zurück zu uns – wir machen kleine Fortschritte auf unserem Weg zu meiner Mutter, wenn die einzelnen Episoden auch jahrhunderteweit auseinanderliegen.“
„Lieber Egon, Du machst mich immer neugieriger.“
Quellen: Myheritage, Geni, Wikipedia,
Reaktionen zu Episode 59:
Kurth Bodo Blind: Na ja, das ist eine sehr familiäre Geschichte.
Ilona Hron: Danke für dein ungebrochenes Engagement, für deine interessanten, und herrlich unterhaltsam geschriebenen Berichte!
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